Eskalation

 

Arasenule erstattete dem Prinzen Bericht über den Tod des Hauptmanns. Dieser schien sichtlich geschockt, blieb aber gefasst.

„Das heißt, sie sind längst in größerer Zahl in unserer Stadt.

Leutnant, ich möchte, dass ihr die Kutschen mit den Frauen, Kindern und Kranken sicher zur Residenz meines Vaters begleitet. Sammelt die Hälfte der Männer um Euch um die wehrlosen zu verteidigen, jeder andere kampffähige Mann folgt mir, die Evakuierung des Gefängnisses scheint noch nicht abgeschlossen, wir helfen meinem Vater dort.“

Während einige Soldaten die Kutschen fahrtüchtig machten versammelte sich der Rest von ihnen gemeinsam mit Arasenule um den Prinzen herum. Im Gleichschritt eilten sie in das Nachbarviertel der Stadt in welchem das Gefängnis lag. Arasenule gingen immer wieder die grauenhaften Bilder des ermordeten Hauptmann Walden und seiner Männer durch den Kopf. Er schüttelte sich und Kartarus mischte sich in seine Gedanken.

„Versucht, diese Bilder zu vergessen, Meister. Ihr hättet nichts für sie tun können. Ihr habt schon der alten Frau und dem kleinen Mädchen geholfen, das war mehr als man von einem Jüngling, wie ihr einer seid, erwarten kann.“

„Trotzdem lassen diese Bilder mich nicht los, mein Freund. Ich hätte an seiner Stelle liegen können. Auch wenn wir gerade im Haus noch einmal Glück hatten, kann es auch schnell anders ausgehen.“

„Solange ich an Eurer Seite bin, braucht Ihr Euch nicht zu fürchten, ich habe meine Augen überall und lasse Euch nicht im Stich.“

Die Worte des kleinen Wasserelementares erwärmten Arasenules Herz und er fühlte sich ein wenig sicherer. Er festigte den Griff um seinen Stab, atmete tief ein und folgte dem Prinzen schnellen Schrittes.

Als die Gruppe die Brücke zum Gefängnisviertel überquerte, vernahmen die Männer Kampfgeräusche. Jeder Soldat griff sofort zu seinem Schwert und rannte los. Arasenule rannte ihnen hinterher und als er um die Ecke bog bot sich ihm ein grauenerregendes Schauspiel. Mehrere Dutzend Worgen sprangen von einer Ecke in die andere und griffen immer wieder den König und seine Männer an. Einige von ihnen hatten bereits schwere Kratzwunden erlitten und viel Blut verloren. Die Soldaten, die mit dem Prinzen gekommen waren, bauten einen Schutzwall um die Verwundeten und versuchten, die Angriffe der Worgen abzuschwächen. Doch immer wieder gelang einem der Worgen der Durchbruch durch die Barrikade und er verletzte einen der Männer. Teils so schwer, dass sie zusammensackten. Manche wurden sogar an der Kehle getroffen und brachen sofort unter großen Blutspritzern zusammen.

„Kartarus, wir müssen etwas tun. SOFORT!“

„Jawohl, Meister.“

Noch unsicher, wie er entscheidend in den Kampf eingreifen solle, sammelte Arasenule seine Kräfte.

„Erinnert Euch an das, was Euch Eure Lehrmeisterin beigebracht hat.“

Weder kamen die Gedanken von Arasenule noch von seinem Begleiter doch erneut war es ein vertrautes Gefühl, weshalb der junge Magier sich entspannte und die vergangenen Lehrstunden im Kopf durchging. Da fiel es ihm ein. Vor nur wenigen Wochen hatten er und seine Mitschüler gelernt, wie man mit einem gezielten Frostblitz einfache Milch in eiskalte Milch verwandeln konnte. Der benötigte Kraftaufwand dazu war nicht sonderlich groß, weshalb Arasenule keine Furcht verspürte, erneut ohnmächtig zu werden. Sollte er einfach den Versuch wagen, die Worgen mit Frostblitzen zu verlangsamen und die Soldaten den Rest machen lassen? Er musste einfach, er hatte kaum eine andere Chance, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, erneut seine Kräfte zu verausgaben.

„Junger Magier, du bist auf dem richtigen Wege. Nutze die Kräfte des Stabes und entfessele seine frostigen Blitze.“

„Kartarus, wir werden versuchen, die Worgen weitesgehend an der Bewegung zu behindern, damit die Soldaten sie vernichtend schlagen können. Nutze deine dir dazu gegebenen Kräfte, wie du es auch in den vergangenen Kämpfen getan hast, ich verlasse mich auf dich.“

„Wie Ihr wünscht, mein Meister.“

Arasenule festigte den Griff um seinen Stab und ließ es geschehen. Anstatt wie zuvor in der Lehrstunde Frostblitze aus seinen Fingern zu verschießen gelang es dem jungen Magier nun, die frostige Spitze seines Stabes dazu zu nutzen, die Luft um sie herum abzukühlen und als winzige, bitterkalte Geschosse auf die Worgen abzufeuern. Der junge Magier konzentrierte sich auf einen Worgen nach dem anderen und lähmte mit seinen eiskalten Blitzen die Beine der Bestien. Dadurch waren ihre Bewegungen nicht mehr so flink wie gewohnt und mit neuem Mut stürzten sich die Soldaten mit erhobenen Schwertern erneut in den Kampf.

Während Arasenule immer mehr Worgen lähmte hinderten Kartarus’ eisige Fußfesseln die verbliebenen Bestien an der Fortbewegung. Die Worgen wehrten sich bitterlich, doch endlich gelang es den Menschen, die Oberhand über die gefürchteten Monster zu gewinnen. Auch wenn die Soldaten des Königs Verluste zu verzeichnen hatten, die Zahl der angreifenden Worgen sank stetig.

Als der König dem letzten sich noch regenden Worgen sein Schwert in die Brust jagte ertönte ein verzweifeltes und schmerzerfülltes Jaulen. Mit seinem letzten Atemzug schaute der Worgen den König finster an und sprach

„Das werdet ihr noch bereuen, Mensch.“

Dann sackte auch er leblos zusammen, was von den umstehenden Soldaten mit lautem Jubel begleitet wurde. Genn Graumähne wandte sich direkt an Arasenule.

„Junger Magier, erneut habt Ihr mich zutiefst überrascht. Jetzt ruht Euch aus und geht mit meinem Sohn und den Verletzten zu meiner Residenz, dort könnt Ihr Euch stärken, den Rest der Stadt säubere ich mit meinen Männern.“

Arasenule nickte kraftlos. Gestützt von einem Soldaten ging er zurück in Richtung des Marktplatz. Dort versammelte der Prinz seine Männer, um den Rücktransport der Verletzten zu sichern. Arasenule vernahm ein leises Wimmern aus einem Keller, während der Prinz noch zu den Soldaten sprach. Er löste sich aus der Umarmung des Soldaten um dem Wimmern und Schluchzen auf den Grund zu gehen. Der Soldat folgte ihm, wohl wissend, dass der junge Magier nicht mehr viel Kraft haben konnte. Auch Kartarus folgte seinem Meister als er die Kellertreppe hinab stieg. Dort in der Ecke saß ein junger Mann, den Rücken zur Treppe gekehrt. Er hatte die Arme um seine Knie geschlungen und seinen Kopf zwischen die Knie gesteckt während er bitterlich weinte. Auch wenn er da saß wie ein Häufchen Elend, Arasenule erkannte dennoch, dass es sich bei dem jungen Mann um Tobias Dunstmantel handeln musste.

„Nein, geh weg von mir.“

„Tobias, was ist los? Die Worgen sind fürs erste vertrieben, du kannst herauskommen, dir droht keine Gefahr mehr.“

„Ara, ich warne dich, geh weg von hier.“

Arasenule streckte seine Hand nach dem jungen Schurken aus, um ihn zu beruhigen, doch als er ihn berührte bäumte sich dieser voller Zorn auf und blickte dem jungen Magier mit blutroten Augen ins Gesicht. Mit einer schnellen Bewegung schlug er Arasenule ins Gesicht, doch seine Hände waren keine Hände mehr. An ihrer Stelle waren riesige Krallen getreten, welche dem jungen Magier das Gesicht zerkratzten. Auch Tobias’ Gesicht war nicht mehr das alte, es war übersäht mit einem enormen Haarwuchs. Tobias schlug den jungen Magier zu Boden, sprang an Kartarus vorbei zu dem Soldaten und biss ihm in den rechten Arm, wodurch dieser schmerzerfüllt und schockiert sein Schwert fallen ließ, welches er mittlerweile gezückt hatte. Der Biss hinterließ eine tiefe Wunde im Arm des Mannes, denn auch Tobias’ Zähne waren plötzlich riesengroß und scharf.

Tobias Dunstmantel stieß den Soldaten ebenfalls beiseite und flüchtete in die Finsternis der Nacht.

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