K

a

p

i

t

e

l

1

Eine besondere Lehrstunde

 

Der Hahn krähte in die Stille der Nacht hinein. Das Volk von Gilneas schlief noch, abgesehen von ein paar patrouillierenden Wachen. Der junge Arasenule öffnete sofort die Augen. Heute sollte die Magierschule früher beginnen, noch vor der Morgendämmerung, damit die Magierlehrlinge im Schnee etwas Neues ausprobieren konnten.

Bisher wurden sie von Meisterin Myriam Zauberwache, der größten Magierin im Volk der Gilneer, in einigen Künsten der arkanen Magie unterrichtet. Auch das feurige Element wurde bereits einige Male ausgetestet. Doch da nun der Winter über Gilneas hereinbrach war es an der Zeit die frostigen Künste der Magierschule zu erweitern.

Arasenule war sehr froh darüber. In den letzten Monaten hatte er sich immer wieder daran versucht, Zeit und Raum zu verzerren um mit einem gezielten Arkanschlag ein Blatt von seinem Schreibtisch zu fegen. Doch es wollte ihm einfach nie so recht gelingen. Das Spiel mit den Elementen fesselte ihn wesentlich mehr, Frostblitze und Feuerschläge beherrschte er bereits recht gut, auch wenn er mit seinen noch jungen 17 Jahren gerade erst anfing die Künste der Magie zu erforschen.

Nun sollten sie am dunklen Morgen im Schnee etwas Neues lernen. Die Meisterin hatte ihren Schülern nicht verraten, was es sein sollte, nur dass es einfacher sei, wenn das Sonnenlicht sie nicht ablenke. Daher sollten sie sich in aller Früh auf einem Hügel in der Nähe der Wasserwerke treffen.

Der junge Magier schwang sich aus seinem Bett und zog seine Lehrlingsrobe an. Er stellte fest, dass er in letzter Zeit sehr viel gewachsen war, denn sie ging nur noch bis zu seinen Knöcheln. Normalerweise sollten Magier ihre Roben immer bis zum Boden tragen, um ihre Würde damit auszuzeichnen. Lehrlingen jedoch war es gestattet, diese Regel ein wenig zu vernachlässigen, da sie sich mit 17 Jahren meist noch im Wachstum befanden. Arasenule nahm sich fest vor, noch diese Woche mit seiner Mutter zu reden und sie zu bitten, ihm eine neue Robe zu nähen. Seitdem er vor einem halben Jahr mit der Magierschule angefangen hatte war sein langer, schlaksiger Körper doch arg in die Höhe gewachsen. Er trat vor den Spiegel, strich sein blondes Haar nach hinten und griff zu dem knochigen Stab, den ein Magierlehrling für gewöhnlich mit sich führte. Er wollte grade gehen als er kurz inne hielt und noch einmal in den Spiegel schaute. 2 hellblaue Augen schauten zurück und plötzlich bekam der Magierlehrling das Gefühl, dass heute etwas Besonderes geschehen würde.

Er schlich die Treppe herunter, um seine Eltern nicht zu wecken, zog seine Stiefel an und verließ das Haus.

Kaum öffnete sich die Tür, zog der junge Magier seine Robe näher zusammen, es war doch um einiges kälter, als er zuerst angenommen hatte. Doch die Vorfreude auf die nächste Lehrstunde mit Meisterin Myriam Zauberwache wärmte ihn und er ging schnellen Schrittes in Richtung der Wasserwerke.

Dort angekommen wartete die Meisterin bereits auf ihn und seine Mitschüler, doch viele waren noch nicht erschienen. Die meisten drehten sich vermutlich noch einmal in ihrem warmen Bett um, die arkanen Künste erforderten sicherlich nicht, dass der Magier in der Kälte fror.

„Arasenule, da bist du ja. Komm schnell her zu uns, wir haben hier ein kleines Lagerfeuer um uns warm zu halten, bis die anderen auch da sind.“

Myriam stand dort aufrecht, ihre leuchtend gelbe Robe war mit Mustern aus verschiedenen magischen Stoffen verziert, ihr schwarzes, schulterlanges Haar wehte sanft im seichten Wind. Mit der rechten Hand hielt sie ihren Magierstab in der Hand, ein wunderschöner Stab aus Ebenholz, an der Spitze mit 3 magischen Kristallen verziert, welche in den Farben rot, blau und violett leuchteten. Jeder dieser Kristalle trug die Mächte der verschiedenen Schulen der Magie in sich. Der rote Kristall schien von innen her zu brennen, ein Zeichen, dass der Besitzer des Stabes große Macht darin besaß mit den Mächten des Feuers umzugehen. Der blaue Kristall versprühte einen eisigen Hauch, Myriam war also auch eine Meisterin im Umgang mit den kalten Winden von Azeroth. Der violette Kristall wurde manchmal durchsichtig, als würde er gar nicht hierher gehören. Tatsächlich pulsierten in ihm mächtige arkane Kräfte, welche seiner Meisterin die Macht über Zeit und Raum gaben. Während ihre Schüler sich noch damit abmühten, die Kraft für einen Arkanschlag mit aller Konzentration auf zu bauen, beherrschte sie selbiges wie keine Zweite in Gilneas. Sie war eine großartige Meisterin in allen 3 Bereichen der Magie, daher wurde sie auch von König Genn Graumähne darum gebeten, die frisch erwählten Magierlehrlinge zu unterrichten. Dies tat sie mit sorgfältiger Umsichtigkeit. Sie wollte weder, dass einem ihrer Schüler etwas zustieß, noch dass einer versehentlich bei einem verirrten Pyroball das halbe Königreich anzündete. Deshalb hatten sie ein halbes Jahr lang in den Lehrräumen des Schlosses geübt, sich zu konzentrieren, die Mächte von Arkanem, Feuer und Eis durch die Finger fließen zu lassen, doch heute sollten sie etwas Neues versuchen.

Arasenule setzte sich in die Nähe des Lagerfeuers, er murmelte seinen Mitschülern eine kurze Begrüßung zu, raffte seine Robe ein wenig enger und schaute sich erstmal um, wer eigentlich alles schon da war.

Dort saß der dunkelhäutige Kurdos, der Sohn von dem Bauernpaar Alizia und Fernando. Er hatte sich einen dicken Mantel mitgenommen und über seine Lehrlingsrobe gezogen. Trotzdem zitterte er wie ein Grashalm in einem Orkan. Er hatte schnell gelernt, wie man Feuer erzeugt, auch das hier angezündete Lagerfeuer trug seine Handschrift, doch mit dem kalten Winter konnte er sich nicht anfreunden.

Neben ihn hatte sich die schöne Cieltra gekuschelt. Ihr langes, braunes Haar hatte sie wie üblich zu einem geflochtenen Pferdeschwanz gebunden. So wie sie und Kurdos beieinander saßen, glaube Arasenule immer mehr daran, dass sie mehr als nur Freunde waren. Ihre braunen Augen schauten immer wieder in die schwarzen Augen von Kurdos, doch er war immer noch damit beschäftigt, dagegen an zu kämpfen, mit seinen klappernden Zähnen nicht das halbe Königreich aufzuwecken. Daher schmiegte sich die zarte, junge Dame einfach näher an ihren Freund heran.

Arasenules Blick wanderte weiter, dort saß noch jemand. Merkus saß abseits von den anderen. Er war nicht gerne in Gesellschaft, da ihm die Kälte nichts aus zu machen schien, hatte er also keinen Grund sich nahe an das Feuer zu setzen. Meisterin Myriam trat an ihn heran.

„Merkus, bitte setz dich zu den anderen an das Feuer, ich bin wirklich stolz auf dich, dass du es bereits schaffst, ein Manaschild auf zu bauen, jedoch solltest du deine Energiereserven aufsparen, was wir heute vorhaben wird dir und den anderen viel abverlangen.“

Arasenule schaute nun genauer hin. Das war also der Grund, warum ihm die Kälte nichts ausmachte. Er hatte sich mit einem magischen Schild umgeben, wodurch der kalte Wind nicht dringen konnte. Arasenule schämte sich, es nicht vorher schon erkannt zu haben, dass Merkus sich in einen Manaschild gehüllt hatte. Da dieser nun auf Befehl der Meisterin verschwand, fing auch Merkus sichtlich an zu zittern.

Arasenule wunderte sich, warum seine Mitschüler so extrem froren. Nach einiger Zeit hatte er sich an die Kälte gewöhnt, ihm war zwar kalt, doch zittern musste er nicht mehr. Myriam kam hinter Merkus ebenfalls ans Feuer.

„Wir fangen jetzt an. Eure Mitschüler werden heute aus privaten Gründen nicht mehr erscheinen, wie ich eben erfahren habe. Wir haben also keinen Grund noch länger zu warten.“

Arasenule wunderte sich, woher sie das wusste, doch dann wurde ihm klar, dass sie eine Meisterin war, geübt im Umgang mit den magischen Leylinien Azeroths. Auf diese Weise wird sie vermutlich eine Nachricht vom Hofmagier Andarius Silbermähne erhalten haben.

„Wir haben in den letzten 6 Monaten viel über die grundlegenden Künste der verschiedenen Magierschulen gelernt. Ihr habt gelernt, wie man gewöhnliche Milch mit einem gezielten Frostblitz in eiskalte Milch verwandelt. Einige von euch haben es bereits geschafft, die Macht von Zeit und Raum dazu zu nutzen, ein Blatt in Bewegung zu versetzen ohne es zu berühren. Andere waren bereits in der Lage mit den Mächten des Feuers diverse Dinge zu entzünden, so wie dieses Lagerfeuer hier.

Doch heute versuchen wir etwas Neues. Ein Magier zeichnet sich dadurch aus, dass er eine Robe mit arkanen Muster trägt. Diese werdet ihr im Verlauf eurer Lehrzeit noch erhalten. Des Weiteren führt er einen Stab mit sich in dem er seine Kräfte speichern kann um im Notfall die gesammelte Zaubermacht zu entfesseln. So mancher Magier ist jedoch zudem in der Lage einen kühlen Wasserelementar zu beschwören. Ich erwarte nicht, dass ihr heute bereits alle dazu in der Lage seid, die meisten erfahrenen Magier benötigen jahrelange Übung dazu, manche schaffen es nach Jahrzehnten noch nicht. Jedoch möchte ich, dass ihr es heute in der Früh einmal versucht. Die Bedingungen sind heute optimal. Es ist kalt und ihr wollt einen kühlen Elementar beschwören. Es soll ein Wasserelementar sein, um euch herum liegt jede Menge Schnee, nichts anderes als gefrorenes Wasser. Außerdem ist es noch dunkel. Das Sonnenlicht kann euch hier jetzt nicht blenden. Außerdem braucht es euch nicht peinlich zu sein, wenn es nicht funktioniert. Wie ich bereits sagte, brauchen die meisten dazu viel Übung. Hier oben sieht euch jetzt niemand, für die Gilneer sitzen wir hier oben einfach nur am Lagerfeuer. Niemand wird also erfahren, wenn ihr keinen Erfolg hattet.“

Die Lehrlinge nickten kurz, als Zeichen, dass sie verstanden hatten. Jeder von ihnen war nun erpicht darauf, in wenigen Minuten einen eigenen Begleiter zu besitzen. Myriam zeigte ihnen, wie sie ihre Finger bei der Beschwörung zu bewegen hatten und erklärte ihnen die Zauberformel

„Aqua elementis constat“

Kurdos meldete sich zu Wort.

„Wieso benötigen wir auf einmal eine laute Zauberformel? Ein Lagerfeuer entsteht doch auch einfach aus dem Nichts, nur weil ich mich darauf konzentriere. Wieso reicht dies bei einer Beschwörung eines Elementares auf einmal nicht mehr aus?“

„Wenn jemand den magischen Künsten mächtig ist, so reicht es aus, schlicht an die Reibung zu denken, die ein Feuer entstehen lässt. Wir ändern lediglich die Luft um das Objekt herum ab, das wir entflammen wollen. Wenn es dann einmal brennt, dann brennt es einfach weiter. Dieses Holz hier hast du vorhin angezündet indem du dir Worte „Exurere“ durch den Kopf gingen. Deine Konzentration war dann stark genug, um ein Feuer nur durch Gedankenkraft entstehen zu lassen. Sobald du diesen Gedanken aber wieder verworfen hättest, wäre das Feuer ausgegangen, wenn es nicht einfach weiter brennen würde, dadurch dass es Holz angezündet hat.

Ein Wasserelementar ist etwas Lebendiges, etwas Eigenständiges das auch nach eurer Beschwörung weiterleben soll.

Dazu ist es zu Beginn nötig, die Zauberformel laut auszusprechen, sich bewusst zu werden, wie das Elementar aussehen soll und damit dann die Kräfte der Titanen in ihrer eigenen Sprache anzurufen.

Wenn ihr in einigen Jahren große Zaubermacht erlangt habt, dann wird es für eine solche Beschwörung nicht mehr nötig sein, die Formel laut auszusprechen, doch für den Anfang macht es die Sache um einiges einfacher.“

In dem Moment, als sie ausgesprochen hatte, stockte ihren Schülern der Atem. Der Schnee um das Lagerfeuer herum schmolz plötzlich dahin, das Wasser lief an einem Punkt rechts hinter Meisterin Myriam Zauberwache zusammen und floss dort scheinbar an einem Punkt in der Luft zusammen. Immer mehr Tropfen geschmolzenen Schnees liefen zusammen und ganz plötzlich wandelten sie sich. Sie bekamen Gestalt. Das Wesen hatte zwar keine Beine, schwebte stattdessen kurz über dem Boden, es besaß jedoch einen mächtigen Oberkörper und 2 starke Arme. Den Kopf leicht gesenkt verneigte sich das beschworene Wasserelementar von Myriam und ging dann hinter ihr in Warteposition. Es sah als, als würde sein Mund aus einem Schneesturm bestehen, ewig in Bewegung und nicht wirklich greifbar. Von seinen Händen fielen leichte Schneeflocken herab.

„Wie ihr seht, ist es möglich, ein Wasserelementar auch ohne laut ausgesprochene Beschwörungsformel zu rufen. Jedoch bedarf es dafür, wie bereits erwähnt, jahrelanger Übung. Dies ist mein treuer Wasserelementar Stircos. Er hat die Form, die ich für ihn erwählt habe und gehorcht meinen Befehlen aufs Wort. Versucht es nun auch einmal. Merkus, du fängst an.“

Merkus erhob sich.

„Gehe ein wenig vom Feuer weg. Schließe, die Augen, leere deinen Geist, stelle dir vor, wie dein Wasserelementar aussehen soll und denke dann daran, wie du ihn aus dem Schnee, der um dich herum liegt, formen kannst. Dann sprich die Zauberformel laut und deutlich aus und mache dazu die Handbewegung, die ich euch gerade gezeigt habe.“

Merkus stand lange still und stumm da. Arasenule versucht zu erkennen, ob er nicht einfach eingefroren war. Doch dann hob Merkus die Hände, formte mit der linken Hand einen Kreis, bewegte dazu synchron die rechte immer wieder auf und ab und dann hörten seine Beobachter, wie er sprach.

„Aqua elementis constat“

donnerte er durch die Nacht. Der Schnee um ihn herum fing an zu schmelzen, bewegte sich in Tropfenform direkt vor sein Gesicht. Es schien als würde Merkus versuchen, den Elementar von oben nach unten zu formen, ein Gesicht war bereits flüchtig zu erkennen. Doch dann fielen plötzlich die ganzen Tropfen hinab und alles was übrig blieb war ein feuchter Fleck auf seiner grauen Lehrlingsrobe.

„Meisterin, es wollte mir nicht gelingen, was habe ich falsch gemacht?“

fragte er keuchend.

„Setz dich erstmal wieder zu uns. Hier trink einen Schluck Trichterwindentau, dann geht es dir gleich besser. Deine Manareserven gingen bei der Beschwörung zur Neige, du hast den Zustand des Oom erfahren. Alles um dich herum, was du versuchtest zu beschwören ging daher einfach zu Brüche. Dein Manaschild, welches zu vorhin aufrecht gehalten hattest, schien mehr an deinen Kräften gesaugt zu haben, als ich es geahnt hätte. Aber wenn du dich ein wenig erholt hast, dann kannst du es, wenn du möchtest, noch einmal versuchen. Das sah schon richtig gut aus.“

Sie wandte sich ihren anderen Schülern zu.

„Ist euch etwas aufgefallen, was er hätte besser machen können?“

Cieltra meldete sich als erste zu Wort.

„Ich glaube, seine Handbewegung war nicht ganz korrekt, kann das sein?“

sprach sie zitternd. Zum einen zehrte die morgendliche Kälte immer noch an ihren Kräften, zum anderen fürchtete sie scheinbar, Merkus könnte sauer auf sie werden, wenn sie ihn kritisiere.

„Ja, Cieltra, da muss ich dir Recht geben. Merkus, du hast dir die Handbewegung wirklich sehr gut eingeprägt, doch du hast ein entscheidendes Detail vergessen. Deine rechte und linke Hand müssen sich in der Bewegung abwechseln. Während die eine Hand sich auf und ab bewegt, muss die andere in dein Zentrum kreisen. Also die linke Hand im Uhrzeigersinn und wenn du 2x rum bist, dann wechselst du die Hände, bewegst die linke Hand auf und ab und bewegst dann die rechte Hand gegen den Uhrzeigersinn. Das ganze immer wieder im Wechsel. Kurdos, möchtest du es einmal versuchen?“

„Ich weiß nicht, Meisterin. Ich kann mir mein Wasserelementar überhaupt nicht vorstellen, wie soll ich es dann beschwören?“

„Nun gut, dann würde ich vorschlagen, dass du dir das ganze einfach noch einmal ansiehst und eventuell eine Vorstellung von deinem eigenen Elementar bekommst. Cieltra, Arasenule, ist einer von euch beiden eventuell schon dazu bereit, es....“

Meisterin Myriam Zauberwache brach abruppt ihren Satz ab. Aus der Ferne hörten die Magier laute Schreie.

„Geht nach Hause, meine Schüler. Verschließt eure Türen und Fenster und bleibt dort bis zum Morgengrauen. Gilneas wird angegriffen, ich spüre es. Geht jetzt und warnt eure Eltern!“

K

a

p

i

t

e

l

2

Angriff auf Gilneas

 

„Die Worgen kommen“

Meisterin Zauberwaches letzte Worte hallten noch immer durch Arasenules Kopf, während er überstürzt nach Hause rannte. Er hatte schon viel von diesen Kreaturen gehört, jedoch noch nie welche mit seinen eigenen Augen gesehen. Als blutrünstige Wölfe auf 2 Beinen wurden sie ihm von seinen Eltern beschrieben. Kreaturen, denen man besser nicht im Dunkeln begegnen sollte und auch bei Tageslicht seien sie fürchterliche Tötungsmaschienen.

Er trat durch die Eingangstür seines Elternhauses. Wärme schlug ihm entgegen, seine Mutter war bereits wachgeworden und bereitete das Frühstück zu. Außerdem hatte sie ein Feuer im Kamin entfacht.

„Da bist du ja mein Schatz. Wie war die Lehrstunde heute? Hat euch Meisterin Zauberwache etwas Neues beibringen können?“

„Mutter, wo ist Vater, Meisterin Zauberwache hat die Lehrstunde vorzeitig abgebrochen, da sie spürte, Gilneas würde von Worgen angegriffen.“

Sofort ließ Arasenules Mutter alles stehen und liegen und lief die Treppe hinauf.

„Ophelia, Liebes, was hast du denn?“

Ihr Ehemann kam ihr auf halber Höhe der Treppe schon entgegen, scheinbar war er gerade wach geworden denn er sah noch ein wenig schläfrig aus.

„Thorm, sie kommen erneut aus den Wäldern. Ich habe Angst.“

Von einem Augenblick auf den anderen war Thorm, Arasenules Vater hellwach. Er zog sich seine Lederweste über, schulterte sein Gewehr und war schon fast aus der Tür getreten, da bemerkte er, dass sein Sohn auch schon wieder da war.

„Guten Morgen, mein Sohn. Ich komme gleich wieder, dann möchte ich wissen, wie deine Lehrstunde war.“

sprach er und drehte sich schon wieder Richtung Tür.

„Vater, warte. Ich möchte mit dir gehen. Ich  habe in den letzten Monaten bei Meisterin Zauberwache so viel dazu gelernt, ich kann dir sicherlich helfen.“

„Nein, du bleibst hier. Deine Meisterin hat uns längst darüber informiert, wie deine Fortschritte in der Magie aussehen und genau deshalb möchte ich, dass du hier bei deiner Mutter bleibst. Sollte eins dieser Monster hierher kommen, dann möchte ich, dass jemand bei ihr ist, der sie beschützen kann. Ich vertraue dir, mein Sohn. Tut nichts Unüberlegtes und passt auf euch auf.“

Er legte seine freie linke Hand auf Arasenules Kopf und streichelte ihn sanft.

„Wir sehen uns zum Frühstück“

Und schon war er fort. Arasenule war entzweigerissen. Zum einen wäre er liebend gerne mit seinem Vater auf Worgenjagd gegangen, denn er kannte diese Bestien bisher nur aus Erzählungen. Andererseits erfüllte es ihn mit ungeheurem Stolz, dass Thorm ihm vertraute, dass er Ophelia beschützen würde.

„Mutter, wieso greifen die Worgen immer wieder unser Königreich an? Wo kommen sie her?“

„Ich kann es dir nicht beantworten, mein Schatz. Sie kommen immer wieder aus den Wäldern, legen eine Spur der Verwüstung, töten arglose Bürger, wenn sie sie in ihre abscheulichen Klauen bekommen und verschwinden dann meist so schnell, wie sie gekommen sind. Unsere Jäger versuchen immer wieder, welche von ihnen zu töten, doch bisher ist es keinem von ihnen gelungen. Dein Vater ist ein ausgezeichneter Schütze, doch sogar für ihn sind die Worgen einfach zu schnell. Schnell wie der Blitz bewegen sie sich und entgehen jedem Kugelhagel, den dein Vater und seine Kumpanen auf sie abschießen. Immerhin verschwinden sie wieder für ein paar Wochen, wenn sie in die Flucht geschlagen wurden. In der Hinsicht sind sie offenbar sehr scheu.“

Aus der Ferne hörten sie einen Schuss, dann ein hallendes Heulen.

„Ich glaube, unseren Männern wird es wieder gelingen, die Worgen zu vertreiben, dieses Heulen höre ich jedes Mal, wenn sie in die Flucht geschlagen werden.“

Ohne es zu merken, hatte Ophelia die Hände von Arasenule in die ihren geschlossen. Sie war sehr nervös. Das war sie immer, wenn die Worgen kamen. Auch wenn ihr Mann und die anderen Jäger die Monster immer in die Flucht schlugen, so hatten sie noch nie einen von ihnen getötet. Ihre Zahl wurde also nie weniger, die Gefahr, die von ihnen ausging, niemals geringer.

Sie stand auf. Sie hatte doch Eier in den Topf getan. Nur weil die Worgen kamen, sollte dies nicht umsonst gewesen sein, ihr Ehemann brauchte ein Frühstück, wenn er wieder zurückkam.

„Wie war deine Lehrstunde heute? Was habt ihr gemacht?“

fragte sie ihren Sohn. Arasenule merkte schnell, dass es ein sehr erzwungenes Gespräch würde, lediglich mit dem Ziel, sie beide abzulenken.

„Wir haben gelernt, wie man ein Wasserelementar beschwört.“

„Tatsächlich? Und? Hast du es geschafft?“

„Leider nein. Lediglich Merkus hatte es einmal versucht, jedoch ohne Erfolg. Dann kam auch schon der Angriff der Worgen und Meisterin Zauberwache brach die Stunde ab.

In der Ferne hörten sie erneut, wie ein Worgen heulte, Arasenule kam es so vor, als wäre es dieses Mal lauter als beim ersten Mal.

„Mutter, sind Worgen wirklich Wölfe auf 2 Beinen? Ihr Heulen ist soviel lauter als das eines normales Wolfes.“

„Es sind abscheuliche Bestien, einem Wolf wirklich sehr ähnlich Sie haben ein großes Maul mit vielen scharfen Zähnen, lange Krallen und dieses fürchterliche Heulen. Mir graut es jedes Mal, wenn ich das höre“

Auch Arasenule stand jetzt auf. In seinem Kopf schwirrten viele Bilder. Er ließ die Lehrstunde noch einmal vor seinen Augen vorbeiziehen. Er konnte die Gefahr, die durch die Worgen ausging nicht einfach verdrängen, doch das eben Gelernte kam immer wieder in den Vordergrund seiner Gedanken.

Er ging den Ablauf der Beschwörung eines Wasserelementars im Kopf immer wieder durch. Es schien ihm so einfach zu sein und doch zugleich so schwer, wenn selbst Merkus es nicht schaffen konnte.

Ohne es zu merken trat er durch die Tür in den Schnee. Immer wieder ging er den Ablauf der Beschwörung durch.

Seine Mutter folgte ihm still. Magie war für sie etwas Unfassbares. Zwar sagte Thorm ihr immer wieder, sie würde zauberhaft kochen, jedoch war das etwas anderes. Die Magie der Welt zu begreifen, dafür fehlte ihr die Begabung. Seit Arasenule vor einem halben Jahr mit der Magierlehre anfing, genoss sie es, ihm immer wieder dabei zu zu sehen, wie er sich die größte Mühe gab und immer wieder etwas Neues versuchte. Doch heute war irgendetwas anders. Er stand da, bewegte sich kaum. Er war völlig in Gedanken versunken. Mit seinen Händen machte er immer wieder dieselbe merkwürdige Bewegung und auf einmal geschah etwas. Arasenule schien alles Wasser aus der Luft an sich heran zu ziehen. Die Tropfen umkreisten ihn und Ophelia bildete sich ein, ein Gesicht in den Wassermengen erkennen zu können

„Aqua elementis constat“

hallte es plötzlich durch die Stille. Die Tropfen nahmen Gestalt an. Wo vorher wirre Wassertropfen folgen, festigten sie nun ihre Gestalt. Ein breiter Oberkörper formte sich, der nach unten hin immer schmaler wurde. Das Wesen sah aus, wie ein umgedrehter Wassertropfen. An den Seiten floß Wasser auf und ab. Deutlich erkennbare Arme, jedoch schienen sie vollends aus Wasser zu bestehen.

Arasenule hatte es geschafft, er hatte einen Wasserelementar beschworen.

„Ara, mein Schatz. Das ist ja wundervoll. Wie hast du das gemacht?“

Er drehte sich zu seiner Mutter um und war scheinbar selber erstaunt.

„Ich weiß es nicht, Mutter. Ich habe die ganze Zeit an die Lehrstunde denken müssen und auf einmal kam es über mich.“

„Meisterin Zauberwache wird sicherlich sehr erfreut sein. Schließlich gelingt ein vollständiges Wasserelementar nicht jedem Magier. Wie willst du ihn denn nennen?“

„Kartarus, dieser Name schoss mir eben bei der Beschwörung durch den Kopf. Ich weiß nicht, was er zu bedeuten hat, jedoch möchte ich ihn so nennen.“

Kartarus gluckste erfreut. In seiner vollen Form schwebe der kleine Wasserelementar eine Handbreit über dem Boden und lief nun im Kreis um seinen Meister herum. Dabei hinterließ er immer wieder kleinere Wassertropfen auf dem Boden. Doch plötzlich hielten alle 3 inne.

Erneut war Worgengeheul zu hören. Doch es kam nicht von unten aus der Stadt. Es war ganz in der Nähe.

„Mutter, geh rein. Kartarus und ich werden sie aufhalten, bis die Jäger da sind.“

„Aber...“

„Nein, Mutter. Vater hat mir vertraut und daher vertrau du mir auch. Bitte!“

Ophelia ging ins Haus, jedoch nur, um 3 Sekunden später mit einem Schüreisen bewaffnet selbiges direkt wieder zu verlassen.

Arasenule musste grinsen. Seine Mutter war mutig. Ehr würde sie die Worgen nur mit einer Pfanne bewaffnet in die Flucht schlagen, als sich hinter verschlossener Tür zu verstecken.

Er spürte sie in der Nähe. Er spürte auch, dass zwischen ihm und seinem Wasserelementar, welches er ab sofort Kartarus nennen sollte, eine geistige Verbindung bestand, welche sich von Minute zu Minute festigte.

„Meister, ich weiß, wovor ihr Angst habt, doch gemeinsam werden wir sie besiegen“

Arasenule nickte, in stiller Hoffnung, dass Kartarus ebenfalls seine zustimmenden Gedanken lesen konnte.

Sie stellten sich Rücken an Rücken, sofern man das wässrige Rückgrat von Kartarus als selbiges bezeichnen konnte. Sie hatten den gesamten Abhang um das Haus im Auge, ebenso wie den Wald, der sich in der Nähe erstreckte. Es war ein seltsames Gefühl. Arasenule sah nicht nur das, was seine Augen ihm zeigten, sondern durch einen schimmernden Schleier für einen Sekundenbruchteil immer wieder das, was Kartarus Augen erblickten. Kartarus sandte seinem Meister immer wieder einen Lagebericht von Seiten des Waldes, während sein Meister selbst den Abhang auf der anderen Seite im Auge behielt. Die Nackenhaare des jungen Magiers standen senkrecht, so angespannt war er. Plötzlich sah er durch den schimmernden Schleier, den sein wässriger Begleiter ihm immer wieder sandte, eine Gestalt. Kurz darauf hörte er ein lautes Heulen.

Er drehte sich um und erblickte eine fürchterliche Gestalt. Das musste ein Worgen sein. Auch wenn er noch weit entfernt stand, Arasenule sah ihn ganz genau. Der Worgen war von komplett pechschwarzem Wolfsfell bedeckt und war mindestens 2 Köpfe größer als der junge Magier. Obwohl er in letzter Zeit viel gewachsen war, fühlte Arasenule sich nun sehr klein. Der Worgen besaß ein riesiges Maul in dem er messerscharfe Zähne fletschte. Er ging auf 2 Beinen, an seinen Händen kamen schier endlos lange Krallen zum Vorschein.

Da sich ihre Blicke nun trafen, entschied der Worgen anzugreifen.

Er rannte auf 2 Beinen los, nur um kurz darauf wie ein Wolf auf allen vieren noch schneller zu rennen.

Arasenule packte die blanke Angst, auch seine Mutter stand still und stumm vor der Eingangstür.

Der Worgen rannte auf Arasenule zu, er wurde immer schneller und leckte sich die Zähne. Scheinbar roch er schon ein gewaltiges Festmahl. Nur noch 50 Meter trennten ihn von dem Magier, da brach er plötzlich zusammen.

„Ara, lauf, der wird gleich wieder aufstehen“

Aus den Schatten trat ein junger Mensch, eine Narbe zeichnete seine rechte Wange. Sein dunkles Haar fiel in sein blasses Gesicht. Doch heute sah er noch blasser aus als sonst.

„Täx, wie kommst du plötzlich hier her?“

„Ich hörte, wie die Jäger auf Worgenjagd gingen, und bekam zufällig mit, dass sich einige der Worgen von den Jägern abgesetzt haben. Sie sind schlau und gefährlich, mein Freund.“

Er ging zügigen aber doch ruhigen Schrittes auf Arasenule zu.

„Ich habe diesen hier verfolgt. Wie du weißt kann ich schneller rennen als alle unsere Jäger zusammen.“

Das war nicht gelogen. Täx war bei der Hehlerin Loren in Lehre gegangen. Böse Zungen nannten ihn schlicht Schurke, doch hatte er nie einem Gilneer etwas Böses angetan. Seine Assassinen-Fähigkeiten beschränkte er darauf, sich lautlos aber schneller als jeder andere durch das Unterholz bewegen zu können. Das musste auch der Grund sein, warum es ihm überhaupt möglich gewesen war, dem Worgen zu folgen.

„Arasenule, mein Freund, versteck dich und deine Mutter im Haus, ich verstecke mich ebenfalls in den Schatten, dieser Worgen hier ist nicht allein, es kommen mehr von ihnen.“

Kaum hatte er es ausgesprochen, da regte sich der behaarte Körper, welcher nicht weit von ihnen entfernt lag. Er richtete sich mühevoll auf, starrte in den Himmel und stieß ein markerschütterndes Heulen aus.

Er richtete nun seinen Blick erneut auf den Magier. Auch Täx, der neben ihm stand wurde von den schwarzen Augen betrachtet. Dann traten sie aus den Wäldern. Ein gutes Dutzend Worgen kam zwischen den Bäumen aus den Wäldern hervor. Alle richteten sie ihre Blicke auf Täx und Arasenule. Täx verschwand sogleich in den Schatten um die Bestien aus dem Hinterhalt angreifen zu können, doch Arasenule warnte ihn.

„Halt ein, mein Freund. Wenn die Jäger auf dem Weg hierher sind, dann brauchen wir sie nur kurz aufhalten. Kartarus und ich übernehmen das. Du hast schon genug getan, indem du uns vor dem stürmischen Angriff des einzelnen Worgen bewahrt hast, jetzt sind wir dran.“

„Alles klar“

tönte Täx'  Stimme aus den Schatten.

„Ich bin in deiner Nähe, falls einer zu nahe kommt.“

Arasenule richtete nun seinen Blick und seine gesamte Konzentration auf die Worgen. Sie kamen langsam näher, als ob sie auf etwas warteten. Sie bildeten eine undurchdringliche Kette und gingen gemeinsam auf ihr Opfer zu. Ein furchterregender Anblick bot sich dem jungen Magier und seinem Wasserelementar, doch blieb ihnen keine Wahl.

„Glacie”

rief Arasenule und eine Eisschicht bildete sich zu seinem Schutz um ihn herum. Er war selber erstaunt, wie schnell sie sich bildete, doch heute schien sein Tag zu sein. Die Worgen würden schon noch vor ihm erzittern, wenn er und Kartarus loslegten.

“Kartarus, kannst du die Worgen in ihrer Bewegung einschränken?”

“Selbstverständlich, Meister. Alles, was ihr wollt”

Kartaurus ging ein wenig auf die Worgen zu. Der kleine Elementar schien Furcht nicht zu kennen. Er hob seine wässrigen Arme und von einem auf den anderen Augenblick waren die Worgen an Ort und Stelle festgefroren. Die Worgen heulten laut auf, schienen sie doch zu spüren, dass sich ihre Opfer nicht kampflos ergeben würden. Sie prügelten wild auf ihre frostigen Fesseln ein. Während sie dies taten, sammelte Arasenule seine Kraft. Er konzentrierte sich auf die gesamte Feuchtigkeit, die sich in der Luft angesammelt hatte. An diesem feuchten Morgen, die Sonne ging gerade auf, hing der Nebel sehr dicht und feucht über dem schneebedeckten Boden.

Die Worgen hatten sich aus ihren Fesseln befreit. Der große Pechschwarze, der zuerst am Hof angekommen war, hob seine Arme, ein ohrenbetäubendes Heulen erschallte im ganzen Königreich. Er zeigte auf den jungen Magier und wie auf Befehl rannten nun alle Worgen gemeinsam auf allen vieren auf Arasenule zu. Doch sie hatten nicht damit gerechnet, dass er bereits auf diesen Angriff vorbereitet war.

Arasenule konzentrierte seine ganze Kraft auf die Feuchtigkeit in der Luft um die Worgen herum.

“CONGELASCO”

donnerte die Stimme des Magierlehrlings. Die Luft um die Worgen herum verdichtete sich zu einer dicken Eisschicht. Erst froren ihre Füße am Boden fest, dann erstreckte sich das Eis über ihre Beine bis zu ihrem Brustkorb herauf, bis letztendlich ein jeder von ihnen in einem dicken Eiskristall gefangen war. Arasenule brach erschöpft zusammen.

“Meister, das habt ihr wunderbar gemacht. Die werden uns nicht mehr gefährlich”

Täx verließ den Schutz der Schatten und rannte zu seinem Freund.

“Was ist los mit dir? Was hast du mit ihnen gemacht? WIE hast du das gemacht?”

“Ich habe...”

Arasenule wurde es schwarz vor den Augen.

K

a

p

i

t

e

l

3

Ein unterwartetes Geschenk

 

Arasenule macht die Augen auf. Er lag zugedeckt und schweißnass in seinem Bett. Von draußen hörte er Stimmen.

Meister, ihr seid wieder wach. Geht es euch gut?”

ich bin mir nicht sicher, mein Freund. Was ist passiert?”

Ihr habt ein ganzes Dutzend Worgen eingefroren. Dies schien sehr anstrengend gewesen zu sein, daher seid ihr zusammengebrochen. Dieser junge Mensch, ihr nanntet ihn Täx, sprang sofort zu euch und sorgte sich offensichtlich um euch. Einer der Worgen wurde scheinbar nicht komplett eingefroren und raste voller Wut auf euch zu. Täx reagierte blitzschnell und rammte ihm sein Messer in den Unterleib, woraufhin dieser blutüberströmt zusammenbrach. Eure Mutter eilte herbei und wollte euch aufhelfen, doch ihr wart in keinster Weise ansprechbar. Täx half ihr daraufhin, Euch in euer Bett zu tragen. Kurz darauf kamen die Jäger von Gilneas zu Eurem Hof und waren gleichermaßen erstaunt und erschüttert über das, was sie vorfanden. Euer Vater eilte sofort ins Haus zu Euch und Eurer Mutter. Sie stehen alle vor der Tür, soll ich ihnen mitteilen, dass Ihr wieder wach seid?”

Tu das. Allerdings bin ich noch ein wenig erschöpft. Ich glaube, wenn Meisterin Zauberwache hier wäre, dann könnte sie mir erklären, was da draußen passiert ist.”

Eure Lehrmeisterin befindet sich ebenfalls hier in Eurem Haus. Sie macht sich große Sorgen um Euch. Ich werde ihr ebenfalls berichten, dass Ihr nach ihr gefragt habt.”

Der kleine Wasserelementar ging in Richtung Tür. Wie durch Geisterhand öffnete sich selbige und er schlüpfte hinaus. Als hätten seine Eltern nur darauf gewartet stürmten sie sofort in das Zimmer ihres Sohnes.

“Ara, mein Schatz wie geht es dir?”

fragte die Mutter schluchzend. Sie schien viel geweint zu haben in den letzten Stunden.

“Mir geht es gut, Mutter. Vater, konntet ihr die Worgen vertreiben?”

“Nicht nur das, mein Sohn. Durch deinen überraschenden Einsatz konnten wir sogar welche von ihnen gefangen nehmen. Vielleicht können wir nun begreifen, was sie von uns wollen.”

Er legte seine Hand auf den Kopf seines Sohnes.

“Ich bin überaus stolz auf dich. Du hast geschafft, was keinem unserer Jäger bisher gelungen ist. Der König möchte dich heute zu Sonnenuntergang sprechen. Deine Meisterin möchte ebenfalls mit dir sprechen, sie sitzt unten in der Küche. Bist du stark genug, zu ihr zu gehen oder soll ich sie bitten, hoch zu kommen?”

“Ich... Ich brauche noch ein paar Minuten. Dann gehe ich runter zu ihr”

Doch er hatte kaum ausgesprochen, da kam Kartarus durch die Tür. Hinter ihm Myriam Zauberwache.

“Arasenule, mein Schüler. Darf ich mit dir sprechen?”

Sie wandte sich seinen Eltern zu.

“Wenn Ihr erlaubt, edler Thorm und edle Ophelia, dann würde ich mich gerne unter vier Augen mit ihm unterhalten. Ophelia, um Euch ein wenig Arbeit nach diesem nervenaufreibenden Tag zu ersparen, habe ich das Feuer in eurem Wohnraum neu entfacht und Euch etwas Essbares auf dem Küchentisch hingestellt.”

“Ihr seid zu gut, Meisterin, das wäre nicht nötig gewesen.”

 

Ophelia und ihr Mann verließen dankend das Zimmer. Myriam nahm sich einen Stuhl und setzte sich zu Arasenule ans Bett.

“Bleib liegen. Ich weiß, wie erschöpft du sein musst. Du hast heute nicht nur eine gewaltige Beschwörung durchgeführt, sondern gleich zwei davon. Und das sogar ohne sie jemals geübt zu haben. Wie geht es dir?”

“Ich weiß nicht. Ich fühle mich ein wenig müde und erschöpft, ansonsten eigentlich wie morgens nach dem Aufstehen.”

“Es ist erstaunlich, was du da heute vollbracht hast. Zuerst einmal zu deinem Wasserelementar. Ich möchte wissen, wie du es geschafft hast, ihn zu beschwören.”

“Ich bin mir nicht sicher.”

antwortete Arasenule müde.

“Ich saß mit meiner Mutter in der Küche, während Vater zu der Worgenjagd eilte. Mir ging die heutige Lehrstunde immer wieder durch den Kopf. Es war für mich alles so greifbar, dass ich nicht umhin konnte, es einfach einmal zu versuchen. Ich habe anfangs auch daran gedacht, wie ich das nur schaffen soll, wenn selbst Merkus Probleme damit hatte, dann jedoch dachte ich mir, wenn ich es nicht versuchen würde, dann würde ich es niemals schaffen.Ich ging also einfach raus, wiederholte die Beschwörung in meinem Kopf immer wieder und auf einmal stand Kartarus vor mir.”

“Kartarus?”

fragte Myriam erstaunt.

“Nun, ihr sagtet, euer Wasserelementar habe einen Namen. Während der Beschwörung ging mir dieser Name immer wieder durch den Kopf. Ich weiß nicht, woher er kommt, nicht einmal, was er bedeutet, aber ich habe mein Wasserelementar nach der Beschwörung auf diesen Namen getauft. Ihn schien es zu freuen.”

Myriam Zauberwache stand auf. Sie ging zum Fenster und schien nachdenklich. Sie drehte sich zu dem Bett ihres erschöpften Schülers um und schaute ihm genau in die Augen.

“Du sagst, kennst den Namen Kartarus nicht? Bist du dir sicher, ihn nicht vorher irgendwo schon einmal gehört zu haben?”

“Nein, Meisterin, da bin ich mir sicher. Dieser Name war mir vollkommen fremd, bis er mir während der Beschwörung immer wieder durch den Kopf ging. Sagt Euch dieser Name etwas?”

“Darüber unterhalten wir uns später, erstmal gibt es wichtigeres zu bereden. Nun aber zu der zweiten Beschwörung, die dir heute gelungen ist. Nachdem dein Wasserelementar zu deiner Unterstützung anwesend war, was passierte dann?”

Arasenule schossen einige wilde Gedanken durch den Kopf. Was wusste die Meisterin, was er nicht wusste? Hatte der Name eine besondere Bedeutung?

“Arasenule, mein Schüler, ich habe dich etwas gefragt. Wie gelang es dir, die Worgen einzufrieren?”

“Verzeiht, Meisterin, ich war plötzlich in Gedanken versunken. Nunja, als mir die Beschwörung von Kartarus gelungen war, da heulte einer der Worgen in der Nähe laut auf. Zwischen mir und Kartarus bildete sich sehr schnell ein enges Band, wodurch wir nicht nur durch unsere Gedanken kommunizieren konnten, ich konnte auch jederzeit sehen, was er sah. So sah ich durch seinen Blick, wo der Worgen herkam, drehte mich um und war wie erstarrt. Ich hatte bisher noch nie einen gesehen, deshalb machte er mir eine fürchterliche Angst und ich war vor Furcht unbeweglich. Er rannte auf mich zu, da kam mein Freund Täx uns zu Hilfe und betäubte den Worgen. Er warnte mich, dass sich einige von ihnen vom Rest des Rudels abgesetzt hätten. Der große, schwarze Worgen, der mich angreifen wollte stand plötzlich wieder auf und stieß ein fürchterliches Heulen aus. Da kam aus den Wäldern ein gutes Dutzend von ihnen angelaufen. Ich habe sie nicht genau gezählt, der Atem stockte mir. Wie auf Befehl rannten sich gemeinsam auf uns zu. Täx wollte noch, dass wir uns im Haus verstecken, aber ich hatte irgendwie im Gefühl, dass ich jetzt etwas tun musste. Ich wirkte einen leichten Schutzzauber um mich, eine Barriere, die ich aus dem kalten Wind formte, der mich umgab. Dann ging Kartarus vor und er beschwor eisige Fußfesseln, welche die Worgen an Ort und Stelle festhielten. Die Zeit, die sie brauchten, um sich daraus zu befreien nutze ich um mich vollkommen auf das zu konzentrieren, was ihr uns am Morgen beigebracht habt. 'Wenn jemand den magischen Künsten mächtig ist, so reicht es aus, schlicht an die Reibung zu denken, die ein Feuer entstehen lässt. Wir ändern lediglich die Luft um das Objekt herum ab, das wir entflammen wollen.' Dies waren eure Worte. Ich befürchtete, Feuer würde mir hier nichts bringen, also entschied ich mich, die Luft um die Worgen herum still stehen zu lassen, damit sie einfrieren. In der alten Sprache der Titanen sollten wir bei einer dauerhaften Beschwörung sprechen, so sagtet ihr. Ich hatte zwar erneut keine Ahnung, was es bedeutet, aber vermutlich durch die Verbindung mit Kartarus war ich mir sicher, dass die Formel 'congelasco' den gewünschten Effekt bringen könnte. Und dann geschah genau das, was ich wollte. Die Luft um die Worgen wurde kälter. Solange, bis sie durch diese Eiseskälte in Eisblöcke gehüllt wurden. Kurz darauf wurde mir schwarz vor Augen.”

Myriam Zauberwache hörte ihm interessiert zu. Sie war stolz, dass einer ihrer Schüler so schnell von ihr gelernt hatte.

“Ich denke mal, dass du ohnmächtig wurdest, weil du dich vollkommen verausgabt hattest. Die Beschwörung des Eissturms, den du da entfesselt hast um die Worgen festzufrieren hätte wohl so manchem Magier die Kräfte geraubt. Auch bin ich stolz auf dich, dass du mir heute morgen so gut zugehört hast, obwohl es doch arg kalt war. Wir werden dies demnächst vertiefen und ich denke, dass du gute Chancen hast, ein guter Magier zu werden, wenn du die Kräfte, die in dir schlummern zu nutzen weißt. Wie ich hörte hat König Graumähne darum gebeten, dass du heute Abend sein Gast bist? Ich habe vorher ebenfalls eine Audienz bei ihm. Wenn du möchtest, bleibe ich in deiner Nähe, solange du beim König bist.”

Arasenule nickte leicht. Dass der König mit ihm sprechen wollte konnte er immer noch nicht ganz glauben.

“Nun gut, wir sehen uns dann heute Abend vor der Residenz des Königs. Er wird von dir wissen wollen, wie du das heute angestellt hast. Nimm deinen treuen Begleiter Kartarus daher gerne mit zum König, aber verschweige ihm bitte erst einmal seinen Namen. Über diesen möchte ich zuerst mit dir sprechen.”

“Meisterin?”

“Ja, mein Schüler?”

“Ich danke euch für die angebotene Unterstützung bei meinem Besuch des Königs heute Abend. Ich nehme diese helfende Hand gerne an, jedoch würde ich gerne wissen, warum ich Kartarus' Namen nicht erwähnen darf. Habe ich etwas verbrochen, indem ich ihn so nannte?”

Myriam lachte ein wenig.

“Nein, so ist es nicht. Der Name deines Elementares ist ein ganz besonderer, die Bedeutung möchte ich dir in Ruhe erklären. Ich möchte nicht, dass du etwas falsch verstehst, wenn der König dir daraufhin versucht, den Namen zu erklären, was er vermutlich sofort versuchen wird.”

Arasenule schaute in seine Hände. Was hatte es mit dem Namen auf sich? Die Meisterin wich ihm aus und doch wollte er es jetzt wissen. Myriam schaute ihm in die Augen und merkte, dass er ohnehin keine Ruhe haben würde.

“Nun gut, du musst mir versprechen, mit niemandem darüber zu reden, bevor wir uns nicht morgen früh ausgiebig unterhalten haben. Dann sage ich dir, was es mit dem Namen auf sich hat, bitte dich jedoch darum, morgen früh bei Sonnenaufgang in meinem Lehrzimmer zu sein, damit wir das vertiefen können.”

Arasenule nickte und schaute seiner Meisterin genau in die Augen.

“Ein Wasserelementar wird nicht einfach beschworen. Sie sind alle schon irgendwie in der Ebene des Herrschers des Wasserreiches Neptulon beheimatet. Immer wenn ein Magier großer Kraft eine Beschwörung versucht und das Elementar ihn als würdig erachtet, dann sendet es seine Seele in die Beschwörung des Magiers und durch die Zauberformel die der Magier ausspricht verbinden sich seine Beschwörung und die Seele des Elementares, wodurch es gefestigt auf Azeroth wandeln kann. Kartarus war auch der Name des Wasserelementares eines alten Bekannten. Er ist einigen hier in Gilneas vermutlich noch bekannt, jedoch nicht allen in guter Erinnerung. Er war ein ausgezeichneter Magier, doch lange bevor der Graumähnenwall errichtet wurde ging er von uns. Was genau passierte, das weiß keiner so genau, es gibt die wildesten Gerüchte, aber eines Tages werden wir das vermutlich erfahren.

Es besteht nun die Möglichkeit, dass dein Kartarus derselbe ist, wie der, den mein alter Freund mit sich führte. Die Tatsache, dass er dich als Meister auserkoren hat zeigt mir, dass du noch viel mehr magisches Potenzial in die trägst als ich bisher angenommen habe. Doch jetzt genug der Worte. Denke daran, worum ich dich gebeten habe. Erzähle dem König nicht von dem Namen, morgen früh werden wir dieses Thema in meinem Lehrzimmer mit Hilfe meiner Aufzeichnungen vertiefen.”

“Ich danke euch, Meisterin. Ich glaube, ich werde dann allmählich versuchen aufzustehen, um mich auf meinen Besuch beim König vorzubereiten. Ich werde heute also mit Kartarus zum König gehen, ihm jedoch dessen Namen verschweigen. Dann wird er mich fragen, was heute passiert ist und ich erzähle es ihm, so wie Euch eben?”

“Genau. Du darfst ihm ruhig alles im Detail erklären, sofern es sich nicht sowieso schon rumgesprochen hat. Um eins würde ich dich noch bitten. Als mein Schüler solltest du auch als Magier vor den König treten. Nicht nur dein Wasserelementar zeichnet dich als solchen aus, sondern auch dein Stab und deine Robe. Verzichte also bitte darauf, dir einen Anzug anzuziehen und trete im Magiergewand vor den König.”

Arasenule nickte erneut. Myriam drehte sich zur Tür, verabschiedete sich von dem jungen Magier, ermahnte ihn, bei Sonnenuntergang beim König aufzutauchen und ging hinaus.Kartarus kam an das Bett seines Meisters.

Meister, könnt ihr schon aufstehen? Oder soll ich Euch Hilfe dazu heran holen?”

Nein, nein. Es geht schon.”

Er richtete sich auf. Plötzlich wurde ihm bewusst, dass er heute Abend ein Problem haben würde. Wenn er im Magiergewand vor den König treten sollte, dann konnte er unmöglich in seiner mittlerweile viel zu kurzen Lehrlingsrobe auftauchen. Doch besaß er derzeit keine andere.

Er stand auf, zog sich eine schwarze Stoffhose und eine graue Weste aus Wolle an und ging die Treppe hinunter um zu seinen Eltern in die Küche zu gelangen. Kartarus ging ihm hinterher.

“Mein Sohn, du bist ja schon aufgestanden. Deine Meisterin ist soeben die Tür hinaus. Darf ein stolzer Vater nun auch endlich mal erfahren, was sein Sprössling heute vollbracht hat?

Thorm grinste, seine braunen Augen leuchteten vor Stolz. Auch Ophelia, Arasenules Mutter, schaute ihn mit ihren blauen Augen an. Er setzte sich an den Küchentisch.

Ophelia meldete sich auch sogleich zu Wort.

“Liebling, verlang dem Jungen jetzt bitte nicht zu viel auf einmal ab. Er ist noch erschöpft, das siehst du doch.”

Sie wandte sich an ihren Sohn.

“Lady Zauberwache hat hier ein wenig Salat hingestellt. Möchtest du etwas davon zur Stärkung?”

Der junge Magier nickte und sogleich hatte seine Mutter eine Porzellanschüssel in der Hand um ihrem Sohn etwas aufzutischen. Dieser wandte sich an seinen Vater.

“Was heute geschehen ist willst du wissen? Nun die Ergebnisse hast du ja vermutlich selber gesehen. Zuerst gelang mir heute eine Beschwörung meines Wasserelementars hier. Als dann die Worgen unseren Hof angreifen wollten haben er, Täx und ich gemeinsam die Worgen aufgehalten. Wie ich das genau gemacht habe kann ich dir nicht erklären, es kam einfach über mich und ich wusste, was ich tun muss, ohne es zuvor jemals getan zu haben. Als ich alles gegeben hatte wurde es mir schwarz vor Augen. Der Kleine hier neben mir hat mir zwar schon erzählt, was danach geschehen ist, aber das wirst du vermutlich selber besser wissen als ich.”

“Darf man fragen ob der 'Kleine' auch schon einen Namen hat?”

Arasenule stutzte. Seine Mutter war bei der Beschwörung dabei gewesen. Entweder hatte sie in der Hektik schlichtweg vergessen, wie sein Name war oder sie wollte es ihrem Mann nicht verraten, weil sie den Ursprung des Namens kannte. Egal was es war, er sah seine Mutter mit einem flehenden Blick an um ihr klarzumachen, dass Thorm fürs erste den Namen nicht erfahren sollte.

“Ich habe noch keinen Namen ausgesucht. Es ging heute alles so schnell, dass ich über so etwas ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht habe.”

“Nungut, das kann ich nachvollziehen. Ich bin immer noch erstaunt darüber, was du heute vollbracht hast. Woher beziehst du diese Kräfte?”

“Vater, das ist ganz einfach. Das Eis, was die Worgen festfror, war bereits in einem anderen Zustand vorhanden. Ich zaubere das nicht etwa aus dem Nichts hervor, die Luftfeuchtigkeit, die um uns herum ist habe ich lediglich ein wenig, sagen wir, angepasst. Jetzt erzähl du mir aber mal lieber, was mit den Worgen geschehen ist, nachdem ihr ankamt.”

“Das, mein Sohn, kann ich dir kaum beantworten. Die anderen Jäger wollten sogleich auf sie losgehen und in Stücke reißen. Ein jeder von uns verspürt ihnen gegenüber nicht nur eine lähmende Furcht sondern auch unglaublichen Hass für das, was sie dem Königreich bisher angetan haben. Fernando, der Bauer vom Nachbarhof, schritt jedoch ein. Du kennst ihn vielleicht, sein Sohn studiert mit dir zusammen die magischen Künste. Er meinte, lebend wären sie für uns viel wertvoller und wenn wir sie gefangen nähmen könnten wir sie vielleicht verstehen und somit auch die Gefahr, die von ihnen ausgeht, in naher Zukunft bannen. Er erzählte mir später, dass sie Schubkarren organisierten um die Worgen transportieren zu können und sie dann ins Verlies brachten. Ich selber habe davon nichts mitbekommen, weil ich aus Sorge um dich und deine Mutter sofort ins Haus gestürmt bin.

Sie sitzen jetzt also im Verlies und warten vermutlich darauf, aufgetaut zu werden. Kurze Zeit später kam ein Bote des Königs vorbei und überbrachte uns die Nachricht, dass du, sofern du wieder bei Kräften wärest, der König dich um eine Audienz bei ihm bittet.”

Ophelia mischte sich in den Gespräch ein.

“Deine Meisterin traf hier ein, kurz nachdem der Bote des Königs fortging. Offenbar hatte sie schon davon gehört, dass du zum König kommen sollst und hat dir deshalb ein Geschenk hinterlassen.”

Arasenules Mutter griff zu einem Karton auf der Kommode neben ihr. Als sie ihn ihrem Sohn hinhielt öffnete sie ihn langsam. Zum Vorschein kam eine wunderschöne Robe, wie der junge Magier sie noch nie gesehen hatte.

“Für mich?”

fragte er ungläubig. Seine Mutter nickte.

“Lady Zauberwache war der Meinung, dass deine Robe ein wenig kurz geworden war in den letzten Wochen. Ihr, als ihre Schüler, solltet sowieso sehr bald eure ersten magischen Roben von ihr bekommen und da du heute eine Audienz beim König hast, bat sie mich, dies dir zu geben, dass du es nachher anziehen könntest.”

Arasenule nahm die Robe vorsichtig aus dem Karton. Er entfaltete sie und bemerkte, dass sie exakt seine Größe zu haben schien.

“Probier sie an, mein Sohn”

verlangte Thorm.

Der junge Magier zog seine Wollweste aus und schlüpfte in die Robe. Sie schmiegte sich an ihn wie eine zweite Haut und hörte nur einen Fingerbreit über dem Boden auf. Exakt die richtige Größe für einen würdevollen Auftritt eines Magiers. Die Robe war aus blauem Leinen geschneidert. Auf den Ärmeln, welche exakt am Handgelenk endeten, waren Verzierungen mit einem seltsamenen lila Garn eingewebt. In die Brust war ebenfalls mit Garn ein Muster eingewebt. In einem etwas dunkleren Blau, wie es die Robe selber war konnte man dort einen Menschen mit einem Wasserelementar ausmachen, welche sich offenbar zum Kampf bereit machten. Diese Zeichnung beeindruckte Arasenule und es erfüllte ihn mit Ehrfurcht, dass er etwas derart wertvolles von seiner Lehrmeisterin geschenkt bekam.

“Wo hat sie die her? Sie musste diese Robe ja schon fertig haben, bevor wir heute morgen mit der Lehrstunde angefangen haben. Woher wusste sie, dass ausgerechnet ich heute ein Wasserelementar beschwören würde? Sie muss es gewusst haben, oder wie ist das möglich, dass diese Robe mir passt als wäre sie mir auf den Leib geschneidert?”

“Ich weiß es nicht, mein Sohn. Es kann auch einfach Zufall sein und dass sie diese Robe schon länger aufbewahrt hat. So wie ich Lady Zauberwache einschätze hat sie ein ganzes Arsenal an Magier-Utensilien in ihrer Kammer aufbewahrt. Vielleicht ist ihr einfach eingefallen, dass sich diese Robe dir passen könnte und sie hat sie deshalb herausgesucht.”

Ophelia musterte ihren Sohn immer noch von oben bis unten.

“Aber sie steht dir, Du siehst richtig gut aus. Wie ein richtiger und erfahrener Magier.”

Thorm meldete sich ebenfalls zu Wort.

“Wahrlich würdevoll schaust du aus, mein Sohn. Es erfüllt mich mit Stolz, dich so zu sehen. Ich würde vorschlagen, du gehst nach oben, machst dich noch ein wenig frisch, isst noch eine Kleinigkeit und dann machst du dich auf den Weg zum König.”

Er legte seine Hand auf Arasenules rechte Schulter.

“Ich bin wirklich stolz auf dich.”

Voller Freude über diese Worte umarmte der junge Magier seinen Vater. Seine Mutter umarmte die beiden.

“Meine Männer, was würde ich nur ohne euch machen?”

Arasenule grinste. Dann ging er die Treppe zu seinem Zimmer hoch.

Sein treuer Begleiter Kartarus folgte ihm stumm und hinterließ eine kleine Wasserpfütze an der Stelle, von der aus der das Schauspiel die ganze Zeit beobachtet hatte.

K

a

p

i

t

e

l

4

Audienz beim König

 

Arasenule ging auf sein Zimmer. Immer noch fassungslos von alledem, was heute geschehen war, setzte er sich erstmal wieder auf sein Bett. Er hatte die Beschwörung eines Wasserelementares gemeistert, ein Dutzend Worgen eingefroren, der König hatte ihn zu einer Audienz geladen und von seiner Meisterin hatte er eine wunderschöne Robe geschenkt bekommen, in welcher er dem König unter die Augen treten sollte.

Erneut begutachtete er sein neuestes Kleidungsstück. Was ihn dabei am meisten faszinierte war die Zeichnung auf der Brust. In dunklem Blau war dort offenbar ein junger Magier eingestickt, der sich an der Seite seines Wasserelementares für den Kampf bereit machte. Fast so, als wäre diese Stickerei ein Ebenbild des Kampfes, der erst diesen Morgen stattgefunden hatte. Doch das war nicht möglich, selbst der beste Schneider in ganz Gilneas würde Wochen für ein solch aufwendiges Muster brauchen. Und doch hatte Arasenule das Gefühl, er würde sich selbst erkennen.

Kartarus lief fröhlich im Zimmer auf und ab. Dabei hinterließ er einige Wasserflecken auf dem Boden des Zimmers.

„Ich werde mir wohl einen Wischmop zulegen müssen, nun, da ich dich an meiner Seite habe.“

sagte der junge Magier fröhlich grinsend.

„Es tut mir leid, Meister. Soll ich nach draußen gehen, damit ich für nicht zu viel Ärger sorge?“

„Nein, nein, so war das nicht gemeint. Es freut mich, dass du scheinbar fröhlich bist. Hattest du im Wasserreich keinen Auslauf?“

„Im Reich unseres Herrschers Neptulon existieren wir nicht in unserer irdischen Form. Dort sind wir lediglich eine umherirrende Seele, welche dort nur selten in manifestierter Form auftaucht. All die Jahre war ich dort sehr einsam und wartete nur darauf, dass ein fähiger Magier endlich die magischen Worte sprechen würde, mit denen ich wieder auf Azeroth wandeln dürfte. Als ihr heute diese Worte ausspracht spürte ich, dass ihr derjenige sein solltet, zu dessen Hilfe ich eile. Ich wage zu behaupten, dass ich dieses Gefühl nicht ganz ohne Grund gehabt haben sollte.“

„So ist es tatsächlich. Wärst du heute nicht gewesen, wären meine Mutter und ich vermutlich das Hauptgericht der Worgen geworden. Aber warum ausgerechnet ich? Wie kommt es, dass du ausgerechnet mich ausgewählt hast?“

„Das kann ich nicht sagen. Es war einfach ein Gefühl der Vertrautheit. Ihr spracht die Worte der Beschwörung mit einer Tonlage, wie ich sie schon einmal gehört hatte und es erschien mir nur als richtig, zu Euch zu kommen.“

„Ein Gefühl der Vertrautheit? Hat das etwas mit dem vorherigen Beschwörer von dir zu tun?“

„Es tut mir Leid, mein Meister, aber ich habe keinerlei Erinnerungen an die Zeit bevor ich zurück in das Reich des Wassers ging. Aber ich denke, dass eure Meisterin Zauberwache Euch morgen gute Ratschläge geben können wird.“

Arasenule nickte. Er hoffte wirklich, dass seine Lehrmeisterin ihm ein wenig weiterhelfen könnte, seine Gedanken diesbezüglich zu sortieren. Zuerst einmal jedoch war es wichtig, sich auf die Audienz bei König Genn Graumähne vorzubereiten. Der junge Magier stand auf und trat vor den Spiegel. Er strich sich vor dem Spiegel das Haar aus dem Gesicht und nahm seinen knochigen Stab in die rechte Hand. Zufrieden mit seinem Aussehen verließ er das Zimmer und ging die Treppe hinab. Kartarus folgte ihm.

Am Fuße der Treppe lief Ophelia herum und wischte den Boden.

„Dein kleiner Freund ist sehr hilfreich für den Haushalt. Ich brauche nur noch aufwischen und der Boden ist blitzblank. Er verliert so klares Wasser, wie wir es aus keiner Quelle in Gilneas schöpfen können.“

Arasenules Mutter schien sehr glücklich zu sein und doch wirkte sie nervös.

„Dein Vater ist zum Schloss aufgebrochen, die anderen Jäger baten um seine Unterstützung bei der Bewachung der Worgen.“

„Keine Sorge, Mutter, diese Bestien sind sicher hinter Schloss und Riegel. Ihm wird nichts passieren.“

„Ich weiß, mein Schatz. Du solltest dich allmählich auch auf den Weg machen. Den König lässt man nicht warten, der Sonnenuntergang ist schon sehr bald.“

Als er die Tür erreicht hatte sah er, dass Kartarus erneut kleine Wassertropfen verlor. Dabei hatte Ophelia doch gerade erst alles trocken gewischt. Er drehte sich um und versuchte sich an einem kleinen Zauber.

„Aqua dominari“

flüsterte er und legte seine Handinnenfläche frei. Das Wasser, welches Kartarus allmählich verlor, flog langsam in die Hand des jungen Magiers. Dort sammelte sich das Wasser in Form eines einzelnen großen Tropfen.

„forma flos“

Nach diesen Worten veränderte sich der Tropfen. Er wurde länglich. In der Mitte bildeten sich  kleine Erhebungen, das Ende des Stieles wurde größer. Nach und nach formte sich eine Blüte nach der anderen und nach einigen Augenblicken wurde eine Rose aus Wasser erkennbar. Zum dritten Mal murmelte Arasenule vor sich hin. Die Formel

„Congelasco“

rundete seinen Zauber ab und das Wasser, aus dem die Rose geformt war, gefror. Die zuvor wässrige Rose verwandelte sich in eine klare Eisrose. Ophelia war entzückt. Ihr Sohn überreichte ihr die glasklare Rose, welche er gerade vor ihren Augen herbeigezaubert hatte. Sie hatte keine Ahnung, wie er das eben angestellt hatte, jedoch war die Rose wunderschön.

„Vielen Dank, mein Sohn. Was…? Wie…? Nein, das kannst du mir später erklären. Jetzt mach dich schleunigst auf den Weg zum Schloss, komm schon, spute dich.“

Sie küsste ihn zart auf die Stirn, legte ihm einen Wollmantel um und schob ihn eilig aus der Tür. Als das Gesicht ihres Sohnes hinter der verschlossenen Tür verschwand, drückte Ophelia die eisige Rose an ihr Herz. Obwohl die Rose einen eiskalten Hauch versprühte wurde ihr warm ums Herz. Die magischen Fähigkeiten ihres Sohnes faszinierten sie nicht nur länger, sie erinnerten sie auch an längst vergangene Tage. Sie legte die Rose auf den Esstisch und ging in die Küche.

Arasenule stapfte eilig durch den Schnee. Sein Begleiter Kartarus folgte ihm auf Schritt und Tritt

„Das war ein sehr schöner Zauber eben, Meister. Eure Mutter war offensichtlich sehr entzückt.“

„Danke. Kann es sein, dass du mir erneut geholfen hast? So wie bei den Worgen? Ich hatte keine Ahnung, was ich da tue, trotzdem ist es mir genauso gelungen, wie ich es wollte.“

„Nein, dieses Mal habe ich mich komplett aus Euren Gedanken herausgehalten. Bei den Worgen haben wir nicht nur körperlich sondern auch geistig Seite an Seite gekämpft, die Rose eben war Euer alleiniges Werk.“

Noch tief in Gedanken über die jüngsten Ereignisse wanderte der Magier immer weiter in Richtung des königlichen Schlosses. Der Schnee war ein arges Hindernis, doch als Arasenule und Kartarus durch den Wald schritten, lichtete sich die Schneedecke. Der Großteil des neulich herab gefallenen Schnees wurde von den Baumkronen aufgehalten. Arasenule wurde ein wenig mulmig. Hier aus diesem Bereich des Waldes waren am frühen Morgen erst die Worgen erschienen, die ihn und Kartarus angegriffen hatten. Ihre Fußspuren waren noch gut zu erkennen. Arasenule bückte sich und besah sie sich näher. Die Spuren waren denen eines Wolfes recht ähnlich, jedoch größer und wesentlich weiter auseinander als die Spuren eines laufenden Wolfes. Das lies darauf schließen, dass Worgen großen Schrittes liefen, was ihre Schnelligkeit erklärte. Dem Magier wurde bewusst, wie viel Glück er hatte, dass er Kartarus an seiner Seite hatte. Er stand wieder auf und durchschritt den Wald, stets tief in Gedanken.

Plötzlich lichtete sich der Wald und der Schnee wurde wieder tiefer. Doch damit wurde auch das Schloss von König Genn Graumähne sichtbar. Arasenule lief auf das Tor zu. Es war verschlossen und je eine Wache trat von links und rechts heran.

„Ihr wünscht, junger Mann?“

sprach die rechte Wache. Beide waren in dunklem Blau gekleidet, trugen beide einen schief aufgesetzten Hut und führten beide eine längliche Pike mit sich, welche sie vor dem Tor verschränkt hielten. Der Wachmann, der Arasenule ansprach, hatte jedoch zudem einen goldenen Streifen auf der linken Schulter. Ein Zeichen dafür, dass er dem anderen gegenüber ranghöher war. Arasenule verbeugte sich vor den beiden und sprach in Richtung des Wachmanns, der ihn angesprochen hatte.

„Werte Herren, mein Name ist Arasenule, Sohn von Thorm und Ophelia. Euer König sandte heute einen Boten aus, mit der Bitte, dass ich zum Sonnenuntergang im Schloss erschiene.“

„Aah, der Worgenfänger. Seid gegrüßt edler Magier. Folgt mir.“

Der Wachmann schritt voran, dicht gefolgt von Arasenule und Kartarus. Der andere verschloss hinter ihnen das Tor und bezog Stellung in der Mitte desselben.

„Der König wartet bereits auf Euch. Er ist ebenso überrascht über Eure Tat wie wir alle hier. Wir sind Euch sehr dankbar dafür, was Ihr getan habt und hoffen, dass wir uns bei Euch dafür revangieren  können.“

Arasenule nickte dankbar. Die Aussicht, jetzt den König zu treffen, ließ ihm den Atem stocken. Tief in seinem Inneren wünschte sich, seine Lehrmeisterin Myriam Zauberwache wäre jetzt bei ihm, jedoch konnte er sie nirgendwo erblicken.

Sie gingen den Weg hoch, der direkt zum Schloss führte. Als sie vor der großen Tür des Schlosses ankamen drehte der Wachmann sich um. Während er hinter sich die Tür öffnete sah er Arasenule an und sagte

„Der König erwartet euch, junger Magier.“

Arasenule schritt durch die Tür und Kartarus folgte ihm. Die untergehende Sonne tauchte den Saal in ein mysteriöses Dämmerlicht, welches durch die verschieden farbigen Fenster in einer Vielzahl von Farben seltsam leuchtete. Der König stand am Ende des Saales. Der Weg zu ihm war mit einem lilanen Teppich ausgelegt, den blaue Spitzen zierten. Zur Linken und zur Rechten des Teppichs standen jeweils 14 gilnearische Soldaten. Jeder hielt eine Pike in den Händen und verschränkte sie vor der Brust. Es war dieselbe Art von Pike, wie jene, welche die beiden Wachmänner am Tor bereits mit sich führten. Jede dieser Piken zeigte mit ihrer Spitze in die Richtung des Königs, was dem Ganzen ein großes Maß Ehrfurcht einflößte.

Zu seiner Erleichterung konnte Arasenule seine Lehrmeisterin zur Linken des Königs erkennen, welche ihm ein sanftes Lächeln zuwarf. Zur Rechten des Königs erblickte Arasenule eine ihm bislang unbekannte Frau. Sie hatte ihr silbernes Haar zu einem langen Zopf gebunden und trug ein weißes Kleid, welches ihre Formen zärtlich umspielte. Der König selber trug einen schwarzen Anzug, wie es für einen Gilneaner bei feierlichen Anlässen üblich war. Abgerundet wurde seine Erscheinung durch einen grauen Zylinder und einen weißen Gehstock mit goldenem Knauf.

„Arasenule, unser edler Retter und Worgenfänger. Es freut mich, dich hier begrüßen zu dürfen, mein Junge. Komm zu mir, Sohn von Gilneas. Und so nehme ihm doch jemand seinen Mantel ab, der ist hier drin überflüssig.“

Aus den Schatten hinter der Tür trat ein kleiner, schmächtiger Junge, kaum halb so alt wie Arasenule, nahm ihm den Mantel ab und verschwand eben so schnell wieder in den Schatten. Arasenule musste an seinen Freund Täx denken, der kaum schneller aus den Schatten treten und darin wieder verschwinden konnte. Ob er wohl auch heute Abend zu einer Audienz beim König geladen war?

Der junge Magier rückte seine Robe zurecht, festigte seinen Griff um seinen knochigen Stab. Dann ging er festen Schrittes doch nahezu atemlos auf den König zu. Kein Thron oder dergleichen war zu sehen, der König stand auf der untersten Stufe einer Treppe, die in einen höheren Bereich des Saales führte. Kurz vor der Treppe kniete Arasenule nieder und verbeugte sich vor seinem König.

„Oh nein, nicht doch. Erhebe dich, Sohn von Thorm und Ophelia. Du bist mein Gast und es besteht kein Anlass vor mir nieder zu knien, als wärst du ein Sklave. Ich wünsche dies von keinem meiner Landsleute und doch tun sie es immer wieder.“

Während der König die Worte aussprach, kam er kopfschüttelnd die Stufe der Treppe hinunter auf der er bisher stand, kniete sich vor Arasenule und legte ihm seine Hand auf die Schulter.

„Du hast dem Volk der Gilneer heute einen großen Dienst erwiesen und sollst dafür belohnt werden. Die Worgen gefangen zu nehmen, während du vollkommen auf dich allein gestellt warst und das auch noch als Lehrling, das ist eine Leistung, die nicht ungeachtet bleiben soll.“

Der König stand auf und machte Arasenule deutlich, dass er es ihm gleichtun sollte.

„Aber mein König, ich war nicht allein. Ohne Hilfe hätten die Worgen mich und meine Mutter vermutlich getötet.“

„So mutig und doch so bescheiden. Die Einzelheiten deiner kleinen Auseinandersetzung heute Morgen sind mir im Wesentlichen durchaus bekannt, auch wenn ich sie gleich gerne noch einmal aus deinem Munde hören würde. Dass das Erstarren der Worgen hauptsächlich dein Verdienst war, daran besteht kein Zweifel. Dein Freund Täx berichtete mir bereits heute Mittag eben jenes.“

Dass Täx bereits im Laufe des Tages beim König war, überraschte Arasenule ein wenig. Der König schien keine Zeit zu vergeuden, wenn etwas wichtiges in seinem Reich geschah.

„Geht es Täx gut? Er hat mir heute Morgen sehr geholfen und ich konnte mich noch nicht einmal bedanken.“

„Dein Freund ich wohlauf und ich wage zu behaupten, dass ihr euch heute Abend noch wieder sehen werdet.“

König Genn Graumähne wandte sich in Richtung von Meisterin Myriam Zauberwache.

„Lady Zauberwache, Euer Schüler begeistert mich. Ich denke, die besprochene Belohnung, welche wir vereinbart hatten, ist nur im geringsten angemessen, daher schlage ich vor, dass Ihr sie ihm direkt übergebt.“

Myriam nickte sachte. Sie trat neben den König. In ihrer Hand lag nicht ihr üblicher Stab, sondern ein gänzlich anderer.

„Arasenule, mein Schüler. Du hast bereits sehr gut gelernt. Als Belohnung für deine heldenhafte Tat des heutigen Tages überreiche ich dir diesen Stab. Du hast heute Mächte entfesselt, die nicht mehr durch deinen knochigen Lehrlingsstab kontrolliert werden können. Um dich und deine Verbündeten zu schützen, verwende bitte fortan stattdessen diese Waffe. Dies ist ein Stab, den ich einst von den uralten Hochelfen von Quel’Danas geschenkt bekam. Durch diverse Verzauberungen und Modifikationen wurde er auf Frostmagie abgestimmt, welche sich offensichtlich durch deine Fähigkeiten stärker beeinflussen lässt als jede andere Art der Magie. In den eisigen Winden des kalten Nordends bei der Ruhestätte von Galakrond wurde dieser Stab von einem Blaudrachen, den Wächtern über die Magie, gesegnet und gestärkt. Nimm ihn und setze ihn weise zur Verteidigung unseres Königreiches ein.“

Myriam Zauberwache überreichte Arasenule den Stab. Der Stab selber war schwarz wie Ebenholz, auf einem Stück war weiße Seide als Griff um den Stab geflochten. Die Spitze des Stabes bestand aus einem großen blauen Kristall, welcher einen eisigen Hauch versprühte. Um ihn herum schwebten 4 kleinere blaue Kristalle, die wie durch Zauberhand auf ihrer Umlaufbahn um den großen Kristall in ihrer Mitte blieben. Arasenule legte seinen Lehrlingsstab auf den Boden neben sich und umfasste den seidenen Griff des Stabes mit seiner rechten Hand. Als er die Hand schloss spürte er einen enormen arkanen Strom durch seinen Körper fließen. Es war, als würde der Stab leben und sich mit ihm verbinden wollen, so wie Kartarus am Morgen desselben Tages. Arasenule ließ es geschehen. Wäre es gefährlich, hätte seine Meisterin ihm den Stab nicht anvertraut. Nach wenigen Sekunden war das Gefühl vorbei, welches der Stab bei der ersten Berührung ausgelöst hatte und doch spürte Arasenule, dass sich etwas verändert hatte. Der ganze Saal war plötzlich still geworden und erst der König unterbrach die Stille.

„Atemberaubend, nicht wahr, Lady Zauberwache? Es ist, als wäre es gestern gewesen, dass ich dieses Schauspiel bei Euch miterleben durfte. Immer wieder erstaunlich, wie magisch begabte Menschen auf die erste Berührung eines mit starker Magie erfüllten Stabes reagieren.“

Myriam sah ihren Schüler mit funkelnden Augen an.

„Du bist nun mit den Leylinien Azeroths verbunden, mein Schüler. Um diese neue Macht nutzen und begreifen zu können bitte ich dich, morgen in meinem Lehrzimmer zu sein, bevor die Sonne am höchsten Punkt angelangt ist.“

Arasenule nickte. Er war immer noch überwältigt von alledem, was sich innerhalb der letzten 24 Stunden ereignet hatte.

„Vielen Dank, Meisterin. Und auch Euch vielen Dank, mein König. Ich werde gewiss mein Bestes geben, um der Kraft des Stabes gerecht zu werden und stehe euch jederzeit zur Seite, wenn unser Land erneut gegen die Worgen oder andere Gefahren verteidigt werden muss.“

„Das freut mich zu hören. Nun aber genug des formellen heute Abend.“

Er drehte sich zu der Frau mit dem silbrigen Haar um.

„Liebling würdest du bitte für die Verköstigung unserer Gäste sorgen? Ich möchte mich mit unserem jungen Magier ein wenig unter vier Augen unterhalten.“

Arasenule stockte der Atem. Die Frau mit dem silbernem Haar und dem wunderschönen weißen Kleid war keine geringere als Königin Mia Graumähne. Sie wandte sich zur Rechten des Saales, welche im Dunkeln lag und entzündete dort eine Reihe Fackeln. Bisher vor den Augen des jungen Magiers verborgen, standen dort einige Gilneer neben einem langen Tisch, reich bedeckt mit allem, was das Herz begehrt. Von saftigem Wildschwein über herzhaften Met bis hin zu frisch gepflückten Äpfeln war auf der langen Tafel alles zu finden um jedermanns Gaumen zu erfreuen.

„Bevor wir zu den Verköstigungen kommen, junger Magier, würde ich dich um ein paar Worte in meinem Turm bitten. Allen anderen wünsche ich bereits jetzt schon einen guten Appetit, das Buffet ist eröffnet.“

König Genn Graumähne ging die Treppe hinaus und gab Arasenule ein Zeichen, ihm zu folgen. Kartarus blieb dicht bei seinem Meister und ließ ihn nicht aus den Augen. Der Rest der Gesellschaft, einschließlich Königin Mia Graumähne und Meisterin Myriam Zauberwache nahm an der langen Tafel Platz und begann mit dem Festmahl.

K

a

p

i

t

e

l

5

Überraschende Enthüllungen

 

König Genn Graumähne schritt eine schier endlos lange Treppe empor während Arasenule und sein wässriger Begleiter ihm wortlos folgten.

„Er wird mich nach deinem Namen fragen, was soll ich tun?“

„Haltet euch einfach an die Worte, die Eure Meisterin Euch mit auf den Weg gab. Ihr dürft ihm alles erzählen, doch mein Name sollte vorerst ein Geheimnis bleiben. Es wird einfacher sein, dies vor dem König zu bewahren, als vor Eurem eigenen Vater.“

„Vermutlich hast du recht, aber ich habe ein ungutes Gefühl.“

Er drehte seinen neuen Stab in seiner Hand. Kam dieses ungute Gefühl vielleicht von seiner neuen Waffe? Irgendetwas war geschehen, als er diesen Stab zum ersten Mal angefasst hatte, doch er konnte es sich nicht erklären, was es war. Einzig und allein die Aussicht auf eine frühe Lehrstunde bei Meisterin Zauberwache am nächsten Morgen stimmte ihn zuversichtlich, dass er bald alles begreifen könnte, was am vergangenen Tage geschehen ist. Der Stab pulsierte hellblau an der Spitze und verströmte hin und wieder einen eisigen Hauch. Ansonsten tat er nichts und fühlte sich weitestgehend an wie ein gewöhnlicher Stab.

„Kannst du mir erklären, was passiert ist, als ich den Stab angefasst habe?“

„Natürlich, Meister. Der Stab hat Euch als seinen Gebieter anerkannt und seine Essenz mit der Euren verschmolzen. Er verbirgt offenbar mächtige Kräfte und ihr seid derjenige, dem es bestimmt ist, sie zu nutzen.“

Dem jungen Magier schwirrte allmählich der Kopf. Erst die geglückte Beschwörung von Kartarus, dann der gewonnene Kampf gegen die Worgen und nun dieses seltsame Erlebnis mit dem Stab. Das alles hatte sich an einem einzigen Tag zugetragen und doch fühlte es sich an, als wäre ein halbes Jahrhundert vergangen. Nun wollte sich auch noch König Genn Graumähne allein mit Arasenule unterhalten. Was wollte der König wissen, was er nicht vor seinem Gefolge in Erfahrung bringen wollte?

Nachdem sich die Treppe dem Ende neigte warteten dort 2 Diener des Königs auf das Trio. Jeder von ihnen hielt einen dicken weißen Mantel in der Hand, welche sie dem König und dem jungen Magier anlegten. Arasenule war leicht verwundert, was sie nun vorhatten.

„Mein Junge, ich möchte mich mit dir oben auf dem Turm unterhalten. Da es zur Zeit ein wenig kalt ist, sollten wir uns etwas warmes überwerfen. Ich bin mir nicht sicher, welche Art von Mantel dein Begleiter benötigt. Können wir für ihn auch etwas tun?“

„Sagt ihm, dass mir der kühle Winterwind gefällt, mein Meister. Für mich braucht er nichts tun, ich bin rundum glücklich“

„Nein danke, mein König. Als Wasserelementar ist ihm kühle Winterluft recht lieb.“

„Nun gut, dann lass uns hinaus gehen.“

Sie schritten durch eine massive Tür, welche die beiden Diener sogleich wieder hinter ihnen schlossen. Dahinter erhob sich ein Steinturm um welchen sich eine Wendeltreppe schlängelte. Der Wind pfiff den Turm entlang und Arasenule zog seinen Mantel enger. Der König schritt voran und legte ein für sein Alter überraschendes Tempo vor, in dem er die recht steile Wendeltreppe erklomm.

Als sie am oberen Ende ankamen erblickte Arasenule ein statisches Fernrohr. Ansonsten befand sich hier oben rein gar nichts. Ein hölzernes Geländer umrandete das Areal, welches von einem ebenfalls hölzernen First überdacht war. Man konnte um den Turm herum auf das gesamte Königreich Gilneas herabsehen. Im Westen war das große weite Meer zu sehen, im Norden konnte man den gewaltigen Graumähnenwall erkennen. Im Osten befand sich das Zentrum der Stadt inklusive seinem prächtigen Marktplatz. Im Süden schlängelte sich die Küste, welche das Meer von dem Königreich trennte. Dort befand sich auch der Dämmerhafen, allerdings legte dort nie ein Schiff an. Arasenule dachte oftmals darüber nach, wie es wohl war, als Gilneas häufig Besuch von Außenstehenden bekam, doch im Moment gab es wichtigeres. Der König hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt und drehte sich zu dem jungen Magier um.

„Mein Junge, du hast heute Morgen großartiges geleistet und ich würde mich gerne ein wenig intensiver mit dir darüber unterhalten. Wie du bereits sagtest, war es nicht deine alleinige Leistung, dich sämtlichen Worgen gleichzeitig zu stellen?“

„Das stimmt, mein König. Zu Beginn war ich komplett vor Angst erstarrt als der einzelne Worgen auf mich zurannte. Hätte mein Freund Täx ihn nicht betäubt, dann stünde ich vermutlich jetzt nicht hier, sondern er hätte mich einfach zerfleischt.“

„Davon hörte ich schon, auch wenn dein Freund mir davon nicht ganz so heldenhaft berichtete. Mich interessiert vielmehr, was danach passierte. Mir kam zu Ohren, dein kleiner Begleiter hätte durch seine magischen Fähigkeiten die Worgen an Ort und Stelle festgefroren und danach hast du deinen Zauber kanalisiert um die Bestien in Eisblöcke einzuschließen. Gibt es etwas, was du dem noch hinzu fügen möchtest?“

„Nein, mein König. Genau so hat es sich zugetragen. Allerdings habe ich mich durch diesen Zauber zu sehr verausgabt, wodurch ich danach das Bewusstsein verloren habe.“

„Dein neuer und treuer Begleiter hat dir also essenziell bei dem Kampf geholfen. Hat er schon einen Namen?“

„Nein, mein König. In dem Gefecht des Kampfes hatte ich bisher noch keine Gelegenheit, mir einen Namen auszudenken.“

Der König lächelte.

„Weißt du, mein Junge, ich bin zwar selber nicht fähig die magischen Linien Azeroths zu kontrollieren, allerdings bin ich schon lange König von Gilneas und habe viele Magier aufsteigen sehen. Deine Meisterin war noch eine junge Schülerin in deinem Alter als sie von ihrem Meister ihren ersten gesegneten Stab erhielt. Schon damals war ich König von Gilneas und durfte das gleiche Schauspiel erleben, was du gerade mit gemacht hast. Jedes mal aufs neue ist es ein einzigartiges Wunder, wenn man miterlebt, wie sich ein Magier mit den Leylinien Azeroths verbindet. Du hast es vermutlich selber nicht einmal bemerkt, allerdings konnte man den arkanen Strom sehen, wie er in dich hinein floss. Ich habe in meiner langen Laufbahn als König vielen jungen Magiern dabei zu sehen können. Immer wieder ist es ein wunderbares und doch einzigartiges Schauspiel. Doch heute hatte ich das Gefühl, dass ich die Ströme, die in dich flossen bereits einmal gesehen habe, was mich vermuten lässt, dass ein enger Verwandter von dir ebenfalls einst seinen ersten Stab vor meinen Augen erhielt, was mich erneut zu deinem Begleiter kommen lässt. Du sagst, er hätte noch keinen Namen, allerdings ist mir längst bekannt, dass Wasserelementare nicht einfach aus dem Nichts heraus kommen sondern längst auf einer anderen Ebene des Seins existieren, in welcher sie längst einen Namen haben, welchen sie ihrem neuen Meister während der Beschwörung zukommen lassen. Jeder Magier weiß also mit der Beschwörung auch um den Namen seines Elementares. Sie sind ja schließlich keine Kinder, denen wir nach ihrer Geburt einen Namen unserer Wahl geben sondern bereits existierende Wesen, die sich einem starken Magier anschließen. Du willst mir wirklich nicht seinen Namen verraten?“

Arasenule wurde blass. Der König wusste sehr viel mehr, als dem jungen Magier lieb war.

„Kartarus, was soll ich tun? Er weiß, dass du längst einen Namen hast und ich ihn weiß, also will er ihn hören.“

„Sagt ihm die Wahrheit. Dass ihr von Eurer Meisterin gebeten wurdet, ihn nicht zu verraten.“

„Mein König, ich muss mich entschuldigen. Ich habe Euch wissentlich angelogen. Mir ist der Name meines Begleiters durchaus bekannt, allerdings wurde ich darum gebeten, ihn vorerst nicht zu verraten, da Lady Zauberwache mir zuvor einiges erklären möchte, was ihn anbelangt.“

„Du und Täx, ihr müsst wahrlich gute Freunde sein, denn genau das hat er mir vor einigen Stunden an genau dieser Stelle auch gesagt. Du kannst jetzt rauskommen, mein Junge“

Arasenule drehte sich verwundert um. Neben dem großen Fernrohr regte sich ein Schatten und Täx tauchte daraus heraus auf. Er schaffte es wie kein Zweiter sich gänzlich unbemerkt zu verstecken, doch da der König ihn nun herbat, stellte sich Täx neben Arasenule und zog seinen Mantel enger.

Vor Freude, dass es seinem Freund gut ging, umarmte Arasenule Täx. Dieser erwiderte freudig die Umarmung.

„Ich dachte schon, du würdest nie wieder aufwachen, mein Freund. Als ich dich heute morgen in dein Bett trug, da zweifelte ich ernsthaft daran, ob du wieder genesen würdest. Umso erfreuter bin ich, dass es dir schon heute wieder besser geht.“

„Wie du siehst geht es mir hervorragend, doch habe ich mir Sorgen gemacht, was mit dir passiert ist.“

„Ich war noch bei dir im Haus als ein Bote unseres Königs hereinkam. Er überbrachte die Nachricht, dass du am Abend hierher kommen sollst, wenn es dir besser geht. Auch berichtete er mir, dass ich mich sofort zum König begeben sollte, daher machte ich mich auf den Weg hierher. Ich berichtete dem König alles, was passiert war, auch dass du einen Begleiter erhalten hast, doch ich schwöre, dass ich den Namen nicht verraten habe. Deine Meisterin hat mich auf dem Weg hierher abgefangen und mich ebenfalls in Eile ausgefragt. Sie sagte, dass der Name deines Wasserelementares von großer Bedeutung sei, daher solle ich ihn nicht verraten.“

Der König meldete sich wieder zu Wort.

„Du bist ein treuer Freund und hast daher Wort gehalten. Von keinem von euch habe ich den Namen unseres neuen Bewohners von Gilneas erfahren und doch würde ich ihn gerne wissen. Ihr wollt es wirklich nicht sagen au Angst vor dem Zorn von Lady Zauberwache, habe ich Recht? Nun, dann rate ich einfach mal.“

Arasenule fing an zu schwitzen. Was sollte das, woher sollte der König den Namen denn wissen, wenn ihm niemand Kartarus Namen verraten hat?

„Wie ich bereits eben erwähnte erinnerte mich deine Berührung mit deinem Stab stark an jemanden, der ebenfalls vor langer Zeit Magier unseres Reiches war. Auch er beherrschte die kühlen Winde wie kein Zweiter und wurde von einem Wasserelementar begleitet. Lange Zeit diente er unserem Königreich mit seinen arkanen Künsten. Doch eines Tages veränderte er sich. Er gab sich den dunklen Künsten hin und wurde ein Schüler von Vitus Dunkelwandler. Dieser brachte ihm die dunklen Künste der Hexerei bei, doch ihm gelüstete es mehr und mehr nach Macht. Eines Tages verabschiedete er sich von seinem bis dato treuen Wasserelementar und zog die Gesellschaft eines Leerwandlers vor. Ich lag damals im Streit mit Meister Dunkelwandler und erklärte ihm, dass ich seine Lehren zwar akzeptiere, jedoch keine Dämonen in meinem Königshaus dulde. Seinen Schüler interessierte das nicht und er stolzierte mit dem Leerwandler durch die Gänge. Daraufhin habe ich ihm verboten, erneut die Lehrräume seines Meisters in meinem Hause aufzusuchen und ihm aufgetragen, er solle seine Lehren von zu Hause aus weiterführen. In der Nacht darauf verschwand er spurlos. Er hinterließ seiner Frau und seiner Tochter einen Brief, dass es ihm Leid täte, er aber keine Möglichkeit sehen würde, sein magisches Potenzial in Gilneas zu erweitern, weswegen er durch die Welt reisen und Abenteuer erleben wolle. Ich machte mir Vorwürfe, ob ich zu hart mit ihm umgegangen war, doch sogar sein Meister verriet mir, dass es den jungen Magier, der sich zum Hexenmeister entwickelt hatte schon immer hinaus aus Gilneas gezogen hatte, er bisher nur keinen Antrieb gefunden hatte, fort zu gehen. Auch seine Frau und seine Tochter waren gnädig und wiesen mir keine Schuld für sein Verschwinden zu, da er auch mit ihnen bereits oft über den Fortgang aus Gilneas gesprochen hatte.

Bevor ich weiter erzähle, möchte ich dich, junger Magier, fragen, ob dir diese Geschichte eventuell bekannt vorkommt.“

„Nein, mein König, von diesem Mann habe ich in meinem ganzen Leben noch nicht gehört.“

„Nun gut, dann sollte ich weiter erzählen.

Die Frau des abenteuerlustigen Reisenden verstarb ein Jahr später. Die Tochter der beiden zog daraufhin mit ihrem Geliebten zusammen und sie führten seither ein bescheidenes aber glückliches Leben als Bauernpaar. Eines Tages kam die junge Frau zu mir und bat mich, für ihren Vater ein Grabmahl zu erbauen zu dürfen, da sie das Gefühl hatte, dass er von uns gegangen war. Mir gefiel die Vorstellung nicht, ein Grabmahl für jemanden zu erbauen, von dem wir nicht wussten, ob er noch lebte, allerdings hatten wir mittlerweile den Graumähnenwall erbaut, weshalb er unter keinen Umständen zu uns zurück kehren könnte. Daher ließ ich sie gewähren. Sie erbaute ein prächtiges Grabmahl zu Ehren ihrer Vaters, direkt neben dem Grab ihrer Mutter. Vielleicht solltest du die Grabmähler von Evelyn und Luther Pickmann mal besuchen, schließlich waren sie deine Großeltern.“

Arasenule stockte der Atem. Nie hatte er jemanden von seinen Großeltern reden hören. Sie seien lange tot, das war das einzige, was er wusste. Dass sie eigene Grabmähler auf dem hiesigen Friedhof besaßen war ihm gänzlich unbekannt.

Auch Täx schien verwundert. Warum wurde Arasenule so etwas all die Jahre verheimlicht?

„Die Tochter von Evelyn und Luther Pickmann, die wunderschöne Ophelia heiratete ihren Geliebten Thorm nachdem das Grabmahl fertig gestellt war. Ein Jahr später kamst du zur Welt.“

„König Graumähne, ich danke Euch für diesen Reichtum an Informationen, doch verstehe ich nicht ganz, was das mit meinem Wasserelementar zu tun hat.“

„Nun, wie ich schon sagte, bevor sich Luther den dunklen Künsten hingab, war er Herrscher der kühlen Winde und wurde genau wie du von einem Wasserelementar begleitet. Als er seinen ersten gesegneten Stab erhielt war ich ebenfalls im Raum. Sowohl die arkane Berührung des Stabes als auch euer beider Wasserelementare ähneln sich wie ein Ei dem anderen, daher würde ich vermuten, dass er tatsächlich damals von uns ging und seine Kräfte nun in dir schlummern, weswegen auch euer Begleiter ein und derselbe ist. Ich wage zu behaupten, dass sein Name Kartarus lautet, habe ich Recht?“

Arasenule senkte den Kopf. Der König wusste besser Bescheid über ihn als er selbst. Wozu sollte er ihn dann noch anlügen.

„Mein König, alles was ihr sagt, klingt logisch und auch Kartarus’ Namen habt ihr daher richtig erraten. Allerdings denke ich, dass ich nun weiß, warum meine Meisterin nicht wollte, dass ich seinen Namen irgendjemandem verrate. Alles was heute passiert ist, einschließlich der Worte, die ich eben von Euch vernahm, kann ich heute noch nicht so recht begreifen, denn es ist unglaublich viel passiert.“

„Dafür habe ich vollstes Verständnis, mein Junge. Ich bin mir auch nicht sicher, ob es förderlich von mir war, dir dies heute schon zu erzählen, doch ich empfand es als richtig, denn kein Mann Gilneas’ sollte über seine Ahnen im Unklaren sein, erst recht nicht, wenn es solch bedeutende waren. Dein Großvater mag sich zwar den dunklen Künsten zugewandt habe, weshalb ihn einige damals verachtet haben mögen, jedoch war er ein großer Mann und hat seine Künste immer zum Wohl von Gilneas eingesetzt. Als er damals fortging, …“

Der König brach mitten im Satz ab, denn sie konnten plötzlich lautes Worgengeheul vernehmen. Es kam jedoch nicht aus den Wäldern, sondern scheinbar aus der Erde unter ihnen.

„Täx, Arasenule, die Worgen um die ihr euch heute morgen gekümmert habt scheinen wieder auf zu tauen. Wir sollten ihnen schleunigst einen Besuch abstatten. Wenn ihr wollt, dann begleitet mich in den Kerker.“

Täx, Arasenule und Kartarus folgten dem König den Turm herab und gingen mit ihm Richtung Kerker.

 

K

a

p

i

t

e

l

6

Böses Erwachen

 

Der König rannte so schnell er konnte so dass Täx und Arasenule kaum Gelegenheit hatten, Luft zu holen. Sie sahen sich fragend an und hasteten König Graumähne hinterher. Dieser führte die beiden jungen Gilneer den Turm herab, quer durch den Saal in dem das Festmahl bereits in vollem Gange war und rief eiligst nach Meisterin Myriam Zauberwache und 2 gilnearischen Wachen.

Diese schlossen sich dem schnellen Schritt des Königs ohne Fragen zu stellen sofort an, vermutlich hatten sie das Worgengeheul ebenfalls vernommen. Auch Stircos, der Begleiter von Lady Zauberwache, erschien wie aus dem Nichts und schloss sich der eilenden Meute an.

„Meister, Stircos berichtet mir, dass Eure Meisterin innerlich sehr aufgewühlt sei. Sie befürchtet ein herannahendes Unheil, dem wir geradewegs entgegenrennen. Macht Euch bereit, dass es zum Kampf kommen könnte.“

„Danke, Kartarus. Ich werde dies beherzigen“

„Sie lässt Fragen, was so wichtiges auf dem Turm vorgefallen sei, dass es niemand sonst mitkriegen sollte. Soll ich davon berichten, dass der König aus eigenem Antrieb über alle Einzelheiten, die Euch und mich betreffen, Bescheid weiß?“

„Wenn es von Belang für sie ist, dann mach das. Vermutlich ist es auch besser, wenn sie es jetzt bereits erfährt anstelle von morgen früh.“

Kartarus entfernte sich wieder ein wenig aus Arasenules Gedanken und so rannten sie weiter. Eine Treppe nach der anderen hasteten sie hinab und keiner verlor ein Wort. Scheinbar hatte der König eine Menge Sicherheitsvorkehrungen getroffen, die Worgen waren nicht nur tief im Kerker eingesperrt sondern immer wieder stand den Eilenden eine Gruppe von Wachen im Weg. Vor einer massiven Tür angekommen erhob der König die Hand und alle blieben stehen.

„Ich bin König Genn Graumähne und befehle den postierten Wachen hiermit, mir diese Tür zu öffnen.“

Arasenule war überrascht. Ihm selber fehlte jede Luft um auch nur ein Wort zu sprechen, doch der König sprach trotz seines rüstigen Alters als hätte er lediglich einen gemütlichen Sonntagsspaziergang hinter sich gebracht.

Kaum hatte Genn Graumähne ausgesprochen war ein lautes Klicken zu hören und die Tür öffnete sich mit einem lauten Ächzen. Der König trat ein und deutete seinem Gefolge, es ihm gleich zu tun.

Zuerst trat Myriam Zauberwache durch die Tür, dicht gefolgt von des Königs Wachen. Täx und Arasenule traten letztendlich ebenfalls ein und die beiden Wasserelementare Kartarus und Stircos blieben in der Tür stehen. Was der junge Magier dann zu Gesicht bekam ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren. Dort standen tatsächlich 11 Worgen, jeder eingefroren ein einem Eisblock. Arasenule hatte sich morgens in der Eile also nicht verzählt, es war tatsächlich nahezu ein Dutzend Worgen, welches ihn angreifen wollte. Ein paar Gitterstäbe trennten die Worgen vor den Neuankömmlingen, doch Arasenule wusste nicht, ob er diesen dünnen Eisenstangen vertrauen konnte. Einer der Worgen war nicht mehr gänzlich in Eis eingeschlossen, sein Oberkörper war bereits frei getaut. Er blickte die Neuankömmlinge mit seinen finsteren Augen an. Sie leuchteten blutrot, was dem Gesicht des Worgen ein noch gefährlicheres Aussehen verlieh als es Arasenule bereits morgens bemerkt hatte.

Der Worgen heulte noch einmal laut auf, dann schaute er direkt in des Königs Richtung und eine tiefe Stimme war zu hören.

„Aaaaah, der König erscheint höchstpersönlich. Und den Welpen, der uns dies angetan hat, hat er direkt mitgebracht.“

Bei den letzten Worten richtete er seine Augen direkt auf Arasenule, welcher innerlich zitterte, dies jedoch dem Worgen nicht zeigen wollte.

„Hast du das gehört, Kartarus? Dieses Monster kann sprechen. Und es erinnert sich an mich.“

„Bleibt standhaft, Meister. Schaut ihm tief in die Augen, das verwirrt das Monster.“

Als der Worgen bemerkte, dass der junge Magier nicht erschrocken zusammenbrechen würde, richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf den König.

„Was glaubt ihr, wie lange ihr uns hier festhalten könnt? Dieses Eis wird schon sehr bald geschmolzen sein und dann sind wir wieder frei und können zurück in die Wälder. Doch für die Dreistigkeit, uns gefangen zu nehmen werdet ihr teuer bezahlen, Mensch.“

In das letzte Wort packte der Worgen so viel Verachtung wie Arasenule es noch nie vernommen hatte. Dieses Monster musste Menschen abgrundtief hassen, doch was war der Grund dafür?

„Große Worte von einem so zarten Hündchen wie Ihr es seid, Randall. Ja, ich weiß, wer Ihr seid und ich wünsche von Euch zu erfahren, was Eure Pläne sind. Wieso greift Euer Rudel uns immer wieder an?“

Der Worgen ließ erneut ein markerschütterndes Heulen ertönen.

„Wagt es nicht in diesem Ton mit mir zu reden, König Graumähne. Ein Fluch brachte uns in dieses Land, doch Ihr habt nicht nur uns sondern auch Euer gesamtes Volk hinter diesem jämmerlichen Wall eingeschlossen. Wir wissen von Dingen, die außerhalb des Walls geschehen sind von denen ihr in Euren schlimmsten Träumen nicht einmal zu träumen wagtet. Wir wollen hier raus um unseren Brüdern zu Hilfe zu eilen, doch solange Ihr und Euer Wall uns daran hindert sind wir dazu gezwungen die verzweifelten Schreie unserer Brüder zu ertragen. Jedes mal, wenn wir den Tod eines Worgen außerhalb dieses Walls vernehmen, dann packt uns die blinde Wut, denn nur Ihr seid Schuld daran, dass wir ihnen nicht helfen können. Aus diesem Grund töten wir immer wieder Bürger aus Eurem Volk, einen für jeden Bruder, den wir euretwegen verloren haben.“

„Das kann nicht sein, der Wall wurde erbaut, als ihr in unser Land kamt, keine von euch Bestien hat es herausgeschafft, bevor ich persönlich den Graumähnenwall mit Hilfe unserer Magier verschlossen habe. Wie soll es außerhalb dieser Mauern noch Brüder von euch geben, wie Ihr sie nennt?“

„Törichtes Pack. Ihr habt damals mitbekommen, dass wir von dem großen Meister Arugal in dieses Land gebracht wurden. Daher habt Ihr, bevor wir komplett hier angekommen waren, bereits den Wall geschlossen. Aber glaubt Ihr wirklich, dass nur dieser einzelne schwächliche Mensch es geschafft hätte, ein Tor zu unserer Welt zu öffnen, durch das wir herkommen konnten? Weit im Süden existierte ebenfalls lange Zeit ein Portal dorthin, geöffnet durch den Missbrauch der Sense der Elune. Auch im hohen Norden haben wir Verwandte. Jeder Worgen ist von Geburt an mit seinen Brüdern eng verbunden, wir wussten die ganze Zeit, was außerhalb Eurer lächerlichen Mauern vorgeht.“

„Und doch ist keiner Eurer Brüder hergeeilt um mit Euch diese lächerlichen Mauern einzureißen. Seht es ein, Randall, ihr seid wertlos für den Rest Eurer Art.“

Ein schauderhaftes Lachen ertönte.

„Euer Wall wird Euch nicht mehr lange schützen, unsere Brüder und Schwestern reisen an, sie kommen um Euren Kopf zu holen.“

Der Worgen namens Randall richtete sich so weit er konnte auf, atmete tief ein und stieß ein schier endloses Heulen aus.

Meisterin Myriam Zauberwache trat neben den König.

„Darf ich, mein König?“

„Was habt Ihr vor, Mylady?“

„Dieses Monster ruft durch seine ewiges Geheule seine Brüder zu uns. Sie sind zwar miteinander verbunden, doch hat Randall keine Ahnung, wo er sich hier befindet. Mit Eurer Erlaubnis möchte ich ihn verstummen lassen damit sein Rudel keine Möglichkeit hat, ihn hier zu finden und zu befreien.“

„Nur zu, das klingt logisch.“

Myriam nahm vor dem Worgen Stellung auf. Dieser verstummte und schaute sie zuerst ratlos, dann aggressiv an. Durch die Gitter des Verlieses fletschte er gefährlich seine Zähne.

„Sile aeternum“

sprach Myriam. Die Spitze ihres Stabes begann violett zu leuchten und zu vibrieren. Dann schoss ein Strom arkaner Energie aus ihr heraus und schoss auf Randall zu. Der Storm teilte sich mehrfach und die feinen einzelnen Ströme wanden sich um das riesige Maul des Worgen. Dieser gab noch ein kurzes schmerzverzerrtes Jaulen von sich, dann war jedoch nichts mehr von ihm zu hören, er starrte Myriam nur noch finster an.

 

„Sehr gut Mylady. Ihr habt alle gehört, was das Monster von sich gegeben hat. Oben im Festsaal sitzen viele Menschen, die noch nichts von der herannahenden Gefahr ahnen, geschweige denn die vielen Bürger in unserem Land.

Wache, ich will, dass Euer Hauptmann sich zum Festsaal begibt, ebenso alle Bürger von Rang und Namen. In einer Stunde beraten wir uns, was zu tun ist.

Täx, Arasenule, wenn ihr wollt, dann seid ihr herzlich eingeladen, an dieser Versammlung teil zu haben, ohne euch hätten wir nie von dieser Bedrohung erfahren.“

Der König wandte sich ab und schritt aus dem Verlies heraus.

Um sich nicht zu verlaufen, folgten ihm sowohl Lady Zauberwache als auch Täx und Arasenule schleunigst. Letzterer fing sofort die Gedanken von Kartarus auf.

„Stircos und ich haben uns soeben beraten, wir werden ebenfalls ausschwärmen und die Bürger außerhalb warnen. Zu aller erst werde ich zu Euren und Täx’ Eltern gehen und sie bitten, sich in Sicherheit zu bringen, danach warnen wir so viele wie nur möglich in den Randgebieten des Königreiches, Stircos und ich sind durch die Flüsse ungleich schneller als Eure schwer gepanzerten Soldaten. Sobald Eure Versammlung voran schreitet werden wir wieder zu Euch stoßen, kümmert ihr Euch um Euch selber. Stircos bat mich, dies Euch auch von Eurer Meisterin auszurichten, Eure Lehrstunde wird wohl schleunigst vorgezogen werden müssen.“

„Ich habe verstanden. So soll es sein. Bis gleich, mein treuer Freund.“

Kurz darauf verschwanden die beiden Wasserelementare.

Myriam schaute Arasenule an, schenkte ihm ein Lächeln und dann eilten sie dem König hinterher.

 

K

a

p

i

t

e

l

7

Späte Lehrstunde

 

Nachdem König Genn Graumähne und sein Gefolge den Thronsaal erreicht hatten befahl er schleunigst, dass sich alle Männer des Königreiches zum Kampf rüsten sollten, während sich alle Frauen und Kinder in seiner Residenz verbarrikadieren. Sofort gingen die Wachen zur Tür hinaus um alles nötige in die Wege zu leiten. Myriam Zauberwache wandte sich an den König.

„Mein König, falls es zum Kampf kommt möchte ich, dass ihr gestattet, dass meine Schüler und ich an Eurer Seite kämpfen. Zudem wünsche ich, eine ruhige Minute mit dem jungen Arasenule in einem abgetrennten Bereich zu verbringen.“

„So sei es. Eure Hilfe, Lady Zauberwache, ist hier stets willkommen. Doch fürchte ich, dass mir die Mittel fehlen, Eure Schüler noch so schnell einzusammeln.“

„Seid unbesorgt. Wie ihr vielleicht bemerktet, haben sich die Wasserelementare von Arasenule und mir bereits entfernt. Sie warnen die Bürger der äußeren Bauernhöfe, Eure Soldaten sind mit ihren schweren Rüstungen viel zu langsam, während die beiden sich mit Hilfe von Bächen und Flüssen in Windeseile fortbewegen können. Stircos, mein Begleiter, wurde außerdem von mir mit der Aufgabe betraut, meine Schüler ausfindig zu machen und sie eilends hier her zu bestellen.“

„Mylady, ihr schafft es immer wieder einen alten Mann zu überraschen. Bezüglich des jungen Arasenules so sei Euch gewiss, die Lehrräume in dieser Residenz stehen Euch ebenso zur Verfügung wie Eure eigenen im Zentrum des Schlosses. Ich empfehle Euch die Räume im ersten Stockwerk zur linken. Dort hattet auch Ihr Eure erste Lehrstunde, falls Ihr Euch erinnert.“

„Vielen Dank, mein König, ich erinnere mich. Dann werden wir uns sogleich dorthin begeben, wenn Ihr gestattet. Es gibt noch einiges zu klären, bevor die Worgen angreifen.“

„So sei es. Doch beeilt Euch. In einer Stunde erwarte ich euch beide erneut hier zur beratenden Versammlung. Dort werdet ihr dringend gebraucht, Mylady.“

„Wie Ihr wünscht, mein König.“

Myriam verneigte sich leicht und wandte sich dann Täx und Arasenule zu.

„Junger Täx, ich denke, es ist das beste, wenn du dich ein wenig ausruhst und etwas von dem noch verbliebenen Festmahl zu dir nimmst, du wirst deine Kräfte heute noch brauchen, fürchte ich. Arasenule, mein Schüler, nimm dir bitte eine Kleinigkeit zu essen mit, auch du musst gestärkt sein, falls die Worgen tatsächlich angreifen. Wickel es dir in ein Tuch und komm mit mir, wir müssen uns unterhalten.“

Die beiden jungen Gilneer gingen eiligst an den Festtagstisch. Es war eine bizarre Vorstellung, dass hier eben noch ein fröhliches Festmahl vonstatten ging, während sich jetzt das halbe Königreich auf einen Kampf einstimmte. Täx nahm Platz und ergriff einen Apfel aus einer Schale. Dann blickte er zu Arasenule.

„Mein Freund, was denkst du, was heute Nacht geschieht. Werden wir wirklich angegriffen?“

„Ich weiß es nicht. Aber ich fürchte, die Gefahr ist groß.“

Er legte seinen Stab zur Seite, wickelte zwei gebratene Hähnchenschenkel in ein Tuch, griff ebenfalls zu einem Apfel und schwang sich noch einen Wasserschlauch um die Schulter. Dann griff er wieder zu seinem Stab, welcher beruhigend pulsierte.

„Wir sehen uns gleich. Bis später, mein Freund“

Mit diesen Worten verabschiedete sich Arasenule von Täx und folgte seiner Meisterin ins Obergeschoss zu den Lehrräumen. Als sie die Tür öffneten entdeckten sie einen Tisch in der Mitte des Raumes, an dem sie Platz nahmen.

„Bevor wir beginnen, nimmst du bitte deine Mahlzeit zu dir. Ein verhungerter Magier ist so stark wie eine Pusteblume im Wind.“

Auf den fragenden Blick ihres Schülers hin fügte Myriam hinzu

„Ich habe bereits genug gegessen, während du dich mit dem König unterhalten hast. Wir werden mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit in den nächsten Stunden in einen Kampf verwickelt, daher sorge bitte dafür, dass du ausreichend gestärkt bist.“

Arasenule nickte, legte seinen Stab zu seinen Füßen ab und nahm sein kleines Mahl zu sich. Er hatte das Gefühl, schon ewig nichts mehr gegessen zu haben, den Salat, den seine Mutter ihm nach seinem Aufwachen zubereitete, hatte er aufgrund der Aufregung kaum angerührt, daher war es ihm recht, dass er sich jetzt ein wenig ausgiebiger ernähren konnte.

„Während du isst, möchte ich, dass du mir gut zuhörst. Stircos und Kartarus haben sich, wie du vermutlich mitbekommen hast, bereits ausgiebig über deine Unterhaltung mit dem König ausgetauscht. Auf deinen Wunsch, so wie ich Stircos verstanden habe?“

Arasenule nickte, daher fuhr Myriam fort.

„Ich befürchtete, dass der König erraten könnte, wer Kartarus ist, spätestens nachdem ich deine Verschmelzung mit dem Stab der Hochelfen beobachten konnte, war ich mir dessen sicher. Doch wie ich erfuhr hatte der König kein schlechtes Wort über deinen Großvater zu berichten, was mich sehr erstaunt, ich hatte damals angenommen, er wäre erbost über den Fortgang von Luther. Dass er sich stattdessen Vorwürfe gemacht hat, erklärt allerdings auch seine Besorgtheit, die er mir damals zukommen ließ, schließlich gelang mir erst kurz zuvor die Beschwörung von Stircos. Er hatte wohl einfach Angst, dass sich die Geschichte wiederholt und erneut ein Gilneaner das Land verlässt.

Doch genug der Geschichten, du bist bereits also bestens über die Herkunft von Kartarus aufgeklärt, daher erspare ich mir fürs erste ausschweifende Erklärungen und komme zum wichtigen Teil, deinem neuen Stab.

Wie ich dir bereits erklärte ist er von den Hochelfen hergestellt und von einem Blaudrachen gesegnet. Dazu muss ich dir glaube ich kurz erklären, was ein Blaudrache ist. Die Blaudrachen oder auch der blaue Drachenschwarm, angeführt von dem Aspekt der Magie Malygos, sind die Wächter jeglicher Form der Magie. Malygos beschützt seit Urzeiten die Welt vor dem Missbrauch  jeglicher Form von Magie und hat dabei mehr als einmal sein Leben riskiert. Dem blauen Drachenschwarm verdanken wir, dass die Magiebegabten, wie wir welche sind, die Magie überhaupt noch nutzen können. Ohne den blauen Drachenschwarm würden wir nur Leere fühlen, wenn wir die Magie nutzen wollen. Ein starkes Weibchen des Drachenschwarms namens Tyrigosa war diejenige, die deinen Stab segnete. Ich habe sie einst persönlich kennen gelernt, Blaudrachen wandeln gerne in ihrer irdischen Form unter uns, Tyrigosa verwandte dazu stets die Form einer Hochelfe und ich habe nie jemanden gesehen, der die Frostmagie besser beherrscht wie sie. Ein Teil ihrer Essenz lebt in deinem Stab, dadurch ist er sehr machtvoll. Bei deiner ersten Berührung des Stabes hat sie dich geprüft und offensichtlich ihrer würdig empfunden, eure Verbindung konnte man genau sehen. Sie hat dich mit den arkanen Strömen von ganz Azeroth verbunden, daher sind deine Kräfte jetzt um einiges stärker als zuvor. Bedenke dies, wenn du erneut versuchst einen Zauber zu wirken.

Die Robe, welche ich dir gab und du nun trägst ist ebenfalls mächtiger, als es den Anschein hat. Das Leinen, aus dem diese Robe genäht wurde, kommt aus dem prächtigen Quel’Danas, eben jener Hochelfen-Stadt in der auch dein Stab hergestellt wurde. Sie verwenden dort magisches Leinen, welches sich seinem Träger anpasst, damit die Roben immer die richtige Länge haben. Diese Robe wurde später in Dalaran, welches unweit von hier im Nord-Osten liegt, perfektioniert. Unter Antonidas Befehl wurde ein spezielles Garn eingenäht, welches zum einen den Träger vor seiner eigenen Magie schützen soll und zum anderen der Robe einen persönlichen Hauch des Trägers verleihen soll, sobald er sie trägt.“

Arasenule fasste sich an die Brust.

„Richtig, mein Schüler. Die Stickerei, die du dort siehst, wurde nicht etwa im Voraus gestickt, sondern sie formte auf magische Weise in dem Moment, als du die Robe berührtest mit dem Vorsatz, sie als dein Eigen anzuziehen. Deshalb bist du dort zu sehen, wie du Kartarus beschwörst, da dieser Moment deine magischen Fähigkeiten derzeit am besten personifiziert. Es mag eine Zeit kommen, wo sich das Bild auf deiner Brust gegebenenfalls ändert, doch wirst du davon kaum Kenntnis nehmen.

Sowohl in dem magischen Garn deiner Robe als auch in dem Kristall deines Stabes ist Energie gespeichert, die du im Notfall freisetzen und nutzen kannst. Nutze diese Möglichkeit aber nur in größter Not und vergiss nicht, in Zeiten von Ruhe und Frieden diese Energie nach und nach wieder aufzuladen.

Kommen wir jetzt zum wichtigsten Punkt, den ich dir erklären will. Wie du bereits von mir gelernt hast, brauchen wir Magier ab einem bestimmten Punkt keine laute Zauberformel mehr, um mächtige Zauber wirken zu können, es würde sie mächtiger machen, zu ihrem Gelingen ist dies allerdings nicht mehr erforderlich. Diesen Punkt hast du bereits erreicht, dadurch dass du dich durch Tyrigosa mit den mächtigen Leylinien und arkanen Strömen von Azeroth verbunden hast. Dies lässt deine Zauber, wie bereits erwähnt, mächtiger werden, doch auch gefährlicher. Denke immer daran, den Zustand des Oom zu vermeiden. Merkus hatte sich heute in der Früh mit seinem Manaschild sehr verausgabt, was seine Beschwörung zerfallen ließ. Auch du hast den Zustand heute schon erfahren, als du dich mit deinem Eissturm übernommen hast. Gib sorgsam darauf acht, dass sich so etwas nicht wiederholt, je öfter, du in den Zustand des Oom verfällst, desto größer ist die Gefahr, dass du nicht nur ohnmächtig wirst, sondern aus dieser Ohnmacht nie wieder aufwachst.“

Arasenule schauderte es leicht. War es dann nicht sogar besser, nie wieder Magie zu wirken, wenn eine solche Gefahr davon ausging? Während er die Knochen seines Hähnchenschenkels beiseite legte und zu dem Apfel griff, den er sich mitgebracht hatte, äußerte er diese Bedenken gegenüber seiner Meisterin.

Sie musste schmunzeln.

„Ganz so dramatisch ist es nicht. Jedem Magier ist es bereits passiert, dass er in den Zustand des Oom verfallen ist, Merkus ist einer der wenigen, die ich bisher erlebt habe, die dabei nicht ohnmächtig wurden. Jeder Magier muss hin und wieder an seine Grenzen kommen und diese austesten, bis wohin er gehen kann und was seine Grenzen überschreitet. Wenn du im äußersten Notfall deine Grenzen überschreiten musst, besitzt du, wie bereits erwähnt, deinen Stab und deine Robe, in denen mächtige Energien schlummern. Solltest du merken, dass ein Zauber deine Kräfte zu sehr beansprucht, dann nutze diese Kräfte um dem Oom zu entgehen, aber vergiss niemals, sie danach wieder aufzuladen, sonst benötigst du sie zu einer Zeit größter Not und hast keine Reserven mehr, was deinen Tod bedeuten könnte.“

Arasenule nahm einen letzten Bissen von seinem Apfel und wickelte die Reste zusammen mit den Hähnchenknochen in das mitgebrachte Tuch. Dann nahm er einen Schluck Wasser zu sich. Zum ersten Mal am heutigen Tag fühlte er sich richtig fit und gestärkt.

„Eins noch, mein Schüler. Wenn du Fragen zu magischen Formeln oder ähnlichem hast kannst du jederzeit zu mir kommen und mich fragen. Einen Großteil deiner Fragen wird dir allerdings auch dein treuer Kartarus beantworten können. Wasserelementare können sich zwar selten an ihre vorangegangenen Meister erinnern, jedoch sehr gut an die Zauber, die sie zusammen mit ihnen erlebt haben. Auch wirst du bald lernen, mit der Essenz von Tyrigosa in deinem Stab sprechen zu können, welche dir ebenfalls machtvolle Ratschläge geben wird. Wenn du die Kräfte deines Stabes weise nutzt, wird sie sich eines Tages mit deinen Gedanken verbinden und zu dir sprechen wollen.

Genug der Plaudereien. Ich spüre, dass Stircos näher kommt, also kann Kartarus nicht weit entfernt sein. Wir sollten allmählich zum König gehen, die Versammlung sollte bald losgehen. Ich bitte dich, dass du dich unauffällig verhälst und den Befehlen des Königs Folge leistest. Er ist ein weiser Mann und alles was er vorhat ist nur zu unserem Besten.“

Der junge Magier nickte woraufhin Schüler und Meisterin gemeinsam den Raum verließen.

 

K

a

p

i

t

e

l

8

Versammlung und Evakuierung

 

Als Lady Zauberwache und ihr junger Schüler erneut den Festsaal betraten fielen ihnen schnell einige Veränderungen auf. In der Mitte des Raumes stand eine lange Tafel an der viele wichtige Persönlichkeiten des gilnearischen Reiches Platz genommen hatten. Die Hauptmänner der verschiedenen Wach-Batallione hatten mehrere Karten des Königreiches mitgebracht, auf welchen sie gerade mit dem König verschiedene Punkte markierten.

Neben Lord Darius Crowley nahm gerade seine durchaus hübsche und kluge Tochter Lorna Platz während Prinz Liam Graumähne sich einen Platz am Kopfe der Tafel reservierte, gleich zur Rechten des prächtigen Sitzes des Königs. Zu dessen Linken nahm zugleich Königin Mia Graumähne Platz.

Viele aufgeregte Stimmen hallten durch den Saal und Arasenule erkannte die Gesichter von einigen seiner Mitschüler. Gemeinsam mit seiner Lehrmeisterin nahm er in ihrer Nähe Platz. Neben Merkus und Kurdos saß bereits die hellhäutige Kaeltara. Neben ihrer sonst recht blassen Hautfarbe erstrahlte ihre Nase in einem leuchtendem Rot. Da sie immer wieder zu einem Tuch griff um sich selbige zu säubern wurde Arasenule schnell klar, dass sie morgens aufgrund einer leichten Erkältung gefehlt hatte. Sie war in ein Gespräch mit dem Hof-Alchimisten Krennan Aranas vertieft, welcher ihr gerade ein paar Kräuter verriet, die sich mahlen und kochen sollte, damit es ihr in naher Zukunft besser ginge.

Ihnen gegenüber saßen Täx und Tobias Dunstmantel. Die beiden unterhielten sich zwar auch über die Verwendung von Kräutern allerdings nicht um ihre heilende Wirkung zu erforschen. Stattdessen widmeten sie ihr Gespräch jenen Kräutern aus denen sie Gifte herstellen konnten, welche ihnen im kommenden Kampf eventuell nützlich sein könnten.

Arasenule schenkte ihren Unterhaltungen jedoch kein Gehör, er würde das Gesagte vermutlich sowieso nicht verstehen. Stattdessen ließ er sich noch einmal durch den Kopf gehen, was Lady Zauberwache ihm soeben erklärt hatte und drehte dabei leicht seinen Stab zwischen seinen Fingern. Dabei versprühte dieser einen ganz leichten, frostigen Hauch, woraufhin seine Mitschüler sofort jegliche Gespräche unterbrachen und den jungen Magier anstarrten.

„Wo hast du den denn her?“

„Wo ist dein knochiger Stab hin?“

„Der sieht ja toll aus, wunderschön, dieses Blau.“

Ihre Stimmen überschlugen sich und alle wollten sie wissen, was vorgefallen war, doch Myriam schnitt ihnen das Wort ab, bevor Arasenule auch nur etwas sagen konnte.

„Meine Schüler, beruhigt Euch bitte. In unserer nächsten Unterrichtsstunde werden wir uns ausführlich über Arasenule und seinen neuen Stab unterhalten. Für heute bitte ich Euch, dass ihr Euch auf das konzentriert, was vor uns liegt. Und jetzt bitte schaut nach vorne, der König möchte etwas sagen“

Arasenule schaute verlegen von seinen Mitschülern weg. Ihm war es unangenehm, dass er nun durch den Stab solche Aufmerksamkeit erringen konnte. Der junge Magier legte sein neues Utensil zu seiner rechten auf den Boden und schaute in Richtung des Königs. Er hatte sich von seinem Sitz erhoben und klatsche in die Hände um die Aufmerksamkeit aller zu erringen.

„Verehrte Bürger von Gilneas. So ernst die derzeitige Lage auch sein mag, ich freue mich, dass die große Tafel meines Saales so zahlreich gefüllt ist. Unser Königreich wird von einer Macht bedroht, wie es sie noch nie gesehen hat. Wie Ihr alle wisst erbauten wir einst den Graumähnenwall und versiegelten ihn mit mächtiger Magie als wir von der Gefahr durch die wolfsähnlichen Wesen, Worgen genannt, erfuhren. Keines dieser Wesen sollte je nach außen dringen, doch wie wir heute erfuhren, konnten wir nicht wissen, dass sie längst auch außerhalb unserer Mauern existierten. Durch uralte Magie stehen diese Wesen in stetem Kontakt, selbst die magischen Mauern des Graumähnenwalls und hunderte Kilometer Entfernung scheinen sie nicht daran zu hindern. Randall und sein Rudel, welches in Gilneas beheimatet ist, bekommen noch in dieser Nacht Verstärkung aus dem Osten. Was dann geschieht möchte ich mir nicht ausmalen, doch wir müssen auf das schlimmste gefasst sein. Die Bewohner der äußeren Bezirke unseres Landes wurden bereits gewarnt und sind auf dem Weg hierher, viele Bewohner des Stadtbezirkes ahnen jedoch noch nichts von der herannahenden Gefahr. Neben der Verteidigung unseres Landes ist es mein oberstes Verlangen, dass kein Gilneer zu Schaden kommt.

Da der Graumähnenwall seinen eigentlich Zweck also nicht zu erfüllen scheint hat Meister Silbermähne die arkane Barriere um unser Königreich geschwächt um durch sein magisches Auge einen Blick auf die Nachbarländer werfen zu können. Wir sind in dieser Schlacht auf uns alleine gestellt, Lordaeron im Norden und Süderstade im Westen, unsere ehemaligen Freunde zu deren Schutz wir einst den Wall erbauten, sind von untoten Horden besetzt. Doch verzaget nicht, meine Freunde. Der junge Magier-Lehrling Arasenule und der angehende Meister der Schatten Täx haben heute morgen gezeigt, dass diese Wolfsbestien zu besiegen sind. Sie haben gemeinsam ihre Kräfte vereint und elf dieser Biester gefangen genommen. Ich möchte ihre Tat mit keinem Wort schmälern, doch wenn zwei junge Burschen ein halbes Rudel auszuschalten vermögen dann glaube ich, dass sich ein vereintes Gilneas gegen die herannahenden Rudel verteidigen kann.

Wir werden nun als erstes damit beginnen, die Stadtbewohner zu evakuieren. Mein Haus soll allen Flüchtigen als Sicherheitsstätte dienen, daher erwarte ich, dass dieses Haus entsprechend verteidigt wird. Meister Silbermähne, Ihr werdet mit dem Hauptkommandant und meiner holden Frau für das Wohl aller sorgen, die hier eintreffen. Kommandant, wählt Wachen aus, die zur Verteidigung hier bleiben, Ihr erhaltet Verstärkung von den meisten Schülern von Lady Zauberwache und Lord Dunkelwandler. Lady Zauberwache, Ihr begleitet mich und Lord Crowley. Die Gefangenen im Verlies überlassen wir nicht den Worgen, sie sitzen kleine Strafen wie Diebstahl ab und haben kein Todesurteil verdient. Täx, mein junger Freund, für dich habe ich einen Spezialauftrag. Du hälst dich bitte an Loren die Hehlerin und Tobias Dunstmantel, die beiden sind bereits eingeweiht. Arasenule, du kommst bitte gleich kurz zu mir, für dich habe ich ebenfalls eine Aufgabe.

Damit sollten alle wissen, was sie zu tun haben. Wer seine Aufgaben erfüllt hat, findet sich bitte hier wieder ein und hilft bei der Verteidigung der wehrlosen Bürger.

Nun geht, verehrte Gilneer, und schützt unser Land.“

Wie ein Mann erhoben sich alle Gilneer am Tisch und nickten. Dann konnte Arasenule beobachten, wie jeder seiner Wege ging. Der junge Magier las seinen Stab vom Boden auf, drückte ihn sich einmal an die Brust und atmete tief ein. Dann ging er zum König, der schon auf ihn wartete.

„Arasenule, mein Junge. Du hast heute morgen bewiesen, dass du der Magie durchaus mächtig bist. Ich möchte, dass du meinen Sohn, Prinz Liam und Leutnant Walden ins Stadtzentrum begleitest. Mir wäre nicht nur wohler, wenn ich mich darauf verlassen kann, dass ihn mehrere bei seiner Aufgabe begleiten und beschützen, du wärst auch eine große Hilfe bei der Evakuierung. Deine Geschichte hat sich bereits herumgesprochen und du bist ein Symbol der Hoffnung für alle Bewohner unseres Landes und sie werden dir vertrauen, wenn du sie hierher schickst. Nun geh, mein Sohn wartet bereits auf dich.“

Arasenule nickte leicht und drehte sich sogleich zu Prinz Liam um. Er verbeugte sich vor dem jungen Prinzen, der kaum älter war als er selbst.

„Mein Prinz, ich stehe Euch zu Diensten.“

„Junger Magier, ich freue mich, Euch an meiner Seite zu wissen. So lasst uns gehen. Wie ich hörte seid ihr im Umgang mit Pferden nicht so geschickt wie im Umgang mit Magie, daher wartet unten bereits eine Kutsche auf uns, die uns ins Stadtzentrum bringen wird.“

Arasenule nickte verlegen, dann nahmen sie ihre Mäntel und gingen hinaus.

Draußen angekommen spürte der junge Gilneer, dass ein kühler Wind herangezogen war. Die Luft war kalt, jedoch sehr trocken, was ihm das Atmen erschwerte während sie zur Kutsche eilten. Leutnant Walden wartete dort bereits auf die beiden. Während Arasenule neben dem Leutnant Platz nahm schwang sich Prinz Liam Graumähne auf sein eigenes Ross, welches neben der Kutsche für ihn angebunden und frisch gesattelt war. Ein stolzer Hengst mit grauer Mähne warf den Kopf in den Nacken, dann ritten sie los.

Der junge Magier musterte den in die Jahre gekommenen Leutnant. Er trug eine leichte Rüstung mit kräftigen, schwarzen Schulterpolstern, welche ihn größer aussehen ließen als er vermutlich eigentlich war. Seine Rüstung war großteils ebenfalls in schwarz gehalten, verziert mit einigen Mustern in silber und grau. Sein Helm hatte einen kräftigen Nackenschutz, jedoch ein sehr breites Sichtfenster durch welches seine Augen blitzten. Sie waren grün wie das Gras im Sommer und versprühten einen unglaublichen Tatendrang. Einige Falten und Augenringe waren zwar zu erkennen und Arasenule schätzte, dass dieser Mann bereits mehr als 50 Sommer erlebt haben müsste, doch wirkte er kampflustiger als manch Jüngling. Abgerundet wurde seine Erscheinung durch zwei Kurzschwerter wovon der Leutnant jeweils eins zu seiner linken und zu seiner rechten am Gürtel trug. Der junge Magier fragte sich, was wohl beängstigender wäre. Gegen diesen Mann kämpfen zu müssen oder gegen die Worgen. Arasenule war froh, dass sie gemeinsam Seite an Seite kämpfen würden. Er wollte gerade eine Unterhaltung mit dem Mann beginnen, da regte sich etwas in seinem Geist.

„Meister, ich bin es Kartarus. Ich möchte Euch mitteilen, dass Eure Mutter in Sicherheit im Hause Graumähne ist und Euer Vater zur Unterstützung der Jäger zum Graumähnenwall geeilt ist. Ich bin bereits auf dem Weg in das Stadtzentrum und werde Euch dort erwarten.“

„Das sind gute Neuigkeiten, mein Freund. Ich kann die Spitze der Kathedrale in der Stadt schon erkennen, es kann nicht mehr lange dauern, bis wir auch dort sind.“

„Gebt auf Euch Acht, mein Meister, die Worgen haben bereits mit dem Angriff begonnen.“

Erschrocken über diese Neuigkeit wandte sich der junge Magier sogleich an den Leutnant und den Prinzen.

„Ich habe gerade erfahren, dass die Worgen bereits mit ihrem Angriff begonnen haben, wir müssen uns beeilen.“

Der Prinz schaute Arasenule erstaunt an.

„Woher wisst Ihr das?“

„Ich kann mit meinem Wasserelementar per Gedankenkraft kommunizieren. Kartarus hat es mir gerade verraten.“

„Dann lasst uns keine Zeit verlieren.“

Prinz Liam Graumähne gab seinem Pferd einen leichten Tritt und es verfiel in einen schnellen Galopp. Die Pferde, die die Kutsche zogen kamen kaum noch hinterher. Der Leutnant schaute Arasenule an.

„Festhalten.“

Dann gab er den Pferden einen Klaps mit der Reitgerte und sie wurden immer schneller. Arasenule hielt sich krampfhaft mit der linken Hand an der Kutsche fest und hielt in seiner rechten seinen Stab. Er dachte daran, ob es sinnvoll sei, bereits jetzt einen Schutzzauber zu wirken, verwarf aber den Gedanken wieder. Er fürchtete, dass der erste Zauber mit seinem Stab zu mächtig werden und damit die Kutsche behindern könnte. Außerdem würde er bei dem Gerappel der Kutsche die Formel sowieso nicht sauber aussprechen können und er fürchtete sich vor schwerwiegenden Folgen.

Als sie über einen Hügel ritten erkannte der Magier, dass sie bereits fast vor den Toren der Stadt standen. Kartarus wartete an der Brücke in das Stadtinnere auf seinen Meister und lief sogleich der Kutsche hinterher. Offenbar hatte er keine Mühe mit dem Tempo der Pferde mitzuhalten. Am Marktplatz angekommen hob Prinz Liam die Hand und das Trio kam zur Ruhe. Sie stiegen ab und Arasenule war froh, endlich wieder ruhigen Boden unter den Füßen zu haben. Hätte die Fahrt noch länger gedauert hätte er sich vermutlich übergeben. Der Prinz richtete sogleich das Wort an seine Begleiter.

„Leutnant ich möchte, dass ihr den Bereich im Norden nach Flüchtigen absucht und sie zur Kutsche bringt. Arasenule, wir nehmen uns der Bürger in den Häusern an.“

Arasenule beobachtete wie der Leutnant sofort in Richtung Norden eilte um seinen Auftrag zu erfüllen. Der junge Magier hörte erneut die Stimme von Kartarus in seinem Inneren.

„Meister Ihr seid ganz aufgewühlt. Atmet einmal durch und beruhigt Euch. Ein Magier, der nervös ist, macht tödliche Fehler.“

„Mein Prinz, gestattet Ihr mir einen kleinen Zauber?“

Der Prinz nickte ruhig. Er schien, genauso wie sein Vater, sich von Anstrengung nicht außer Atem bringen zu lassen. Der junge Magier atmete kurz durch und beruhigte seinen Puls. Dann kräftigte er den Griff um seinen Stab und sprach laut die Formel

„Glacie“

aus. Wie bereits am Morgen verdichtete sich um ihn herum eine dünne Eisschicht doch dieses Mal weitete er den Zauber auf den Prinzen aus, um ihn ebenfalls vor eventuellen Gefahren zu schützen.

„Was habt ihr getan?“

„Dies ist ein kleiner Schutzzauber. Sollte Euch etwas aus dem Hinterhalt angreifen, so werdet ihr einen Moment geschützt sein.“

„Eine vortreffliche Idee, man weiß nie, wo diese Bestien lauern. Nun lasst uns beginnen, die Bewohner zu warnen.“

Dann eilten sie von Tür zu Tür und schickten alle Bewohner zu den Kutschen auf dem Marktplatz um sie in Sicherheit zu bringen.

Als Arasenule an der letzten Tür geklopft hatte, überkam ihn ein kalter Schauer. Irgendetwas stimmte nicht. Als er ein lautes Heulen aus dem Inneren des Hauses vernahm festigte er seinen Griff um den schwarzen Stab und machte sich für das kommende bereit.

 

K

a

p

i

t

e

l

9

Überleben und Sterben

 

„Komm sofort zu mir Kartarus, ich fürchte unser Feind ist näher als wir gedacht hatten.“

„Ich bin fast bei Euch, mein Meister.“

Arasenule nahm all seinen Mut zusammen. Als er Kartarus in seiner unmittelbaren Nähe spürte griff er mit seiner linken Hand nach dem goldenen Türknauf der massiven Holztür. Langsam drehte er den Türknauf und zog vorsichtig an der Tür. Kaum drang ein Lichtstrahl durch die Tür, da schlüpfte Kartarus bereits durch den Türschlitz.

„Kommt rein, Meister. Hier unten befindet sich niemand.“

Mit einem Ruck öffnete der junge Magier die Tür komplett und stürmte eilig in das Haus.

„Das Heulen, das ich vernommen habe, kam von oben, wir müssen sofort in das Obergeschoss“

Wie auf Befehl stürmte der kleine Wasserelementar in Richtung der Treppe. Arasenule rannte ihm nach und musste stark aufpassen, nicht auf Kartarus’ Wasserpfützen auszurutschen. Dabei kam ihm eine Idee.

„Aqua dominari“

Wie bereits am Morgen desselben Tages flog das Wasser bestimmt in die Richtung von Arasenules linker Hand. Dort formte es sich zu einer klaren, jedoch immer noch wässrigen Kugel, welche immer wieder die Pfützen von Kartarus aufsammelte. Als das ungleiche Duo im Obergeschoss des Hauses ankam, vibrierte die mittlerweile mehr als faustgroße Kugel kräftig in der Hand des Magiers, denn erneut erschallte ein lautes Heulen gefolgt von dem verzweifelten Schrei einer jungen Frau.

Kartarus war erneut schneller als sein Meister und stand bereits vor der Tür aus der die Geräusche drangen. Wie durch Zauberhand öffnete sich die Tür vor dem kleinen Wasserelementar und er ging furchtlos in das Zimmer. Arasenule bewunderte den Mut des kleinen Wesens und rannte ihm hinterher.

Als er durch die Tür trat bot sich ihm ein fürchterlicher Anblick. In der hinteren Ecke des Raumes lag Magda Weißwall, die Schneiderlehrerin der Stadt unter einem kleinen Tisch. Ihr kurzes ergrautes Haar war zerzaust und es sah so aus, als wäre sie in die Ecke geworfen worden, denn sie hatte eine leichte Kopfverletzung. Cynthia, die kleine Schwester von Kurdos, lag leblos und blutend auf dem Boden. Ein Worgen mit dunkelbrauem Fall beugte sich über sie und rot gefärbter Speichel floß aus seiner lang gezogenen Schnauze. Als er bemerkte, dass der Magier und sein Begleiter den Raum betreten hatten, richtete er seine leuchtend roten Augen direkt auf Arasenule.

„Ara, hilf uns. Wir sind hier von diesem Monster überfallen worden.“

Magda versuchte sich zu erheben, brach jedoch erschöpft zusammen. In dem Moment ertönte aus dem Maul der Worgen erneut ein lautes Heulen. Dann ließ er seine dunkle Stimme ertönen. Der Worgen schien älter zu sein als Randall, denn seine Stimme war tiefer und rauer als die des Rudelführers.

„Der Welpe erscheint höchstpersönlich. Es erstaunt mich, dass du noch hier bist. Du glaubst doch nicht, dass du deine Tat von heute morgen wiederholen kannst, oder? Randall und sein Gefolge waren einen Moment unvorsichtig, doch mir wird das nicht geschehen. Ich weiß, dass du und dieser kleine Wicht nicht so wehrlos wie diese Weibchen sind, deswegen werde ich mit euch meinen Spaß haben, Mensch.“

Genau wie Randall zuvor sprach dieser Worgen das Wort ‚Mensch’ mit tiefer Verachtung aus. Er ließ von Cynthia ab und richtete sich auf.

„Kartarus, wir müssen etwas tun. Vielleicht lebt das Mädchen noch.“

Arasenule schaute in seine linke Hand, die Wasserkugel, bestehend aus dem reinen Wasser von Kartarus’ Pfützen, schwebte immer noch dort. Der junge Magier griff zu und war erstaunt, dass eine Kugel aus reinem Wasser so fest zu sein schien wie ein Ball.

„Meister, wir haben nur eine Chance, wenn er zu uns springt, werde ich ihn festfrieren und dann müsst ihr angreifen“

„Aber wie denn angreifen, ich kann ihn hier nicht so einfach einfrieren, wie wir es heute morgen gemacht haben, hier ist kein Nebel. Ich habe noch nie jemanden mit meinen Kräften angegriffen, ich weiß gar nicht, wie das geht!“

„Vertraut auf Eure Kräfte und ihr werdet wissen, was ihr tun müsst.“

Arasenules Stab pulsierte beruhigend in seiner rechten Hand. Ein kühler Strom breitete sich von ihm aus und der junge Magier hatte das Gefühl, plötzlich noch eine andere Stimme in seinem Kopf zu hören. Doch bevor er sich dessen bewusst werden konnte, wessen Stimme das sein mag, griff der Worgen an. Er ging leicht in die Knie und sprang dann mit einem Satz quer durch den Raum. Diesen Moment nutzte Kartarus um seine Füße durch gefrorene Fesseln aneinander zu binden. Dadurch stolperte der Worgen als er auf seinen Füßen landete und sein nächster Schritt sah nicht mehr so flink aus wie der vorherige. Kartarus sorgte dafür, dass die Fesseln enger wurden und der Worgen kam zu Fall, richtete sich jedoch schnell wieder auf.

„Meister, jetzt, tut etwas.“

Erneut schlich sich neben Kartarus’ Stimme noch ein anderes Bewusstsein in Arasenules Kopf. Der Magier schloss die Augen und vertraute darauf, dass dieses Wesen, oder was auch immer es war, ihm helfen würde. Er warf den Ball aus klarem Wasser, der sich in seiner linken Hand befand in Richtung des Worgen. Kaum hatte der Ball die Hand des Magiers verlassen, da erhob er seine Stimme.

„Lancea glacea“

Kaum waren die Worte ausgesprochen, da veränderte der Ball. Er wurde immer länger und gefror im Flug. Als der Ball bei dem Worgen angekommen war hatte er sich in eine riesige Eislanze verwandelt, welche sich durch das Herz des Worgen bohrte. Ohne noch einen Ton von sich zu geben brach dieser zusammen. Unter ihm bildete sich eine immer größer werdende, rote Pfütze.

Magda war die erste, die es schaffte, wieder ein Wort zu sagen.

„Ist er… tot?“

Arasenule wagte kaum, seine Augen zu öffnen, doch als er sich dazu überwand musste er sich beinahe übergeben. Der Worgen lag in einer Lache aus seinem eigenen Blut und atmete nicht mehr. Vorsichtig schlich der junge Magier an die Seite der Bestie um sich zu vergewissern, dass in ihr kein Leben mehr steckte. Dann sprang er zu Cynthia. Das Mädchen war bewusstlos, atmete allerdings noch.

„Magda, kannst du laufen?“

„Ich denke schon.“

Daraufhin hob Arasenule das junge Mädchen von Boden auf und trug sie die Treppe hinunter. Magda folgte ihm und Kartarus verließ als letzter den Kampfplatz.

Während sie aus dem Haus stürmten untersuchte Arasenule die Verletzungen des kleinen Mädchens. Scheinbar hatte das Untier ihr in den Arm gebissen, ohnmächtig wurde sie offensichtlich aufgrund eines Schlages gegen den Kopf. Andere Verletzungen erkannte der junge Magier zunächst nicht und war froh, dass Cynthia den Überfall ohne größere Verletzungen überleben würde. Er strich ihr schwarzes Haar aus dem Gesicht und fuhr mit seiner Hand zärtlich über ihre dunkle Wange.

„Alles wird gut, Kleines.“

Als sie den Marktplatz erreicht hatten wurden sie bereits von Prinz Liam Graumähne in Empfang genommen. Der Prinz war sichtlich erschüttert, das kleine Mädchen bewusstlos in den Armen des Magiers zu sehen.

„Was ist passiert? Ich hörte bloß ein fürchterliches Heulen aus Eurer Richtung.“

„Wir haben keine Zeit für Erklärungen, mein Prinz. Die Worgen haben bereits mit ihrem Angriff begonnen. Beinahe hätte einer von ihnen die ehrwürdige Magda Weißwall und die kleine Cynthia hier getötet. Mit viel Glück konnten mein Begleiter und ich ihn bezwingen, doch ich fürchte, es wird nicht lange dauern, bis mehr von ihnen kommen.“

Mit einem Wink befahl der Prinz mehrere Wachen zu sich.

„Bringt die beiden Damen sicher zu den Kutschen, damit sie in Sicherheit gelangen. Ich erwarte, dass niemand mehr alleine umherwandert, wir wissen, dass die Worgen gefährlich sein können. Arasenule, auch Ihr geht fortan nicht mehr alleine weiter, eine der Wachen wird Euch stets begleiten. Geht in den Norden der Stadt zu Leutnant Walden. Vielleicht wird er Eure Unterstützung benötigen. Meine Männer und ich werden die verbliebenen Stadtbewohner evakuieren.“

Ein junger Soldat, kaum älter als er selbst gesellte sich zu dem jungen Magier und gemeinsam eilten sie ins nördliche Viertel nachdem der Magier die kleine Cynthia einem anderen Soldaten übergeben hatte. Der Soldat ging schnellen Schrittes, so dass Arasenule kaum hinterher kam.

Als sie in eine Seitengasse einbogen, in der sie den Leutnant vermuteten bot sich ihn ein abscheuliches Bild. Der Leutnant und einige andere Soldaten lagen auf dem Boden, alle Gliedmaßen von sich gestreckt. Ohne Zweifel waren sie in einen Hinterhalt der Worgen geraten, den keiner von ihnen überlebt hatte. Arasenule ging zwischen den Toten hin und her und versuchte, seine Übelkeit zu unterdrücken, während er sich die Wunden der Männer näher anschaute. Jeder von ihnen hatte entsetzlich anzusehende Wunden, die ihnen offensichtlich mit großen Krallen zugefügt wurden. Der Leutnant hielt seine beiden Kurzschwerter immer noch mit festen Griff in seinen Händen. Das Blut floß noch über den Boden, der Angriff konnte also nicht lange her sein. Arasenule drehte sich zu dem Soldaten um, der sich auf seiner Lanze abstützte.

„Wir müssen hier weg und den Prinzen warnen. Die Worgen sind vermutlich noch in der Nähe.“

Der Soldat nickte stumm und gemeinsam verließen sie das Schlachtfeld.

„Verzeiht mir, junger Magier. Ich konnte die Leichen nicht näher betrachten, es hat mich zu sehr bestürzt zu sehen, wie der von uns allen geachtete Leutnant trotz Unterstützung einfach getötet werden konnte.“

„Macht Euch keine Sorgen, junger Soldat. Mir erging es kaum anders.“

„Ich bewundere Euren Mut, ich hoffe, noch lange an Eurer Seite kämpfen zu können.“

„Mit Verlaub, ich hoffe, dass dieser Kampf schon bald vorbei ist.“

Stumm gingen sie zurück auf den Marktplatz. Währendessen schlich ich Kartarus in Arasenules Gedanken.

„Meister, Stircos hat soeben Kontakt mit mir aufgenommen. Wir sollen äußerste Vorsicht walten lassen, die Worgen kommen in großer Zahl.“

„Dann sollten wir uns beeilen.“

Mit diesen Worten lief der junge Magier noch etwas schneller und dieses Mal hatte der Soldat Mühe hinterher zu kommen.

 

K

a

p

i

t

e

l

10

Eskalation

 

Arasenule erstattete dem Prinzen Bericht über den Tod des Hauptmanns. Dieser schien sichtlich geschockt, blieb aber gefasst.

„Das heißt, sie sind längst in größerer Zahl in unserer Stadt.

Leutnant, ich möchte, dass ihr die Kutschen mit den Frauen, Kindern und Kranken sicher zur Residenz meines Vaters begleitet. Sammelt die Hälfte der Männer um Euch um die wehrlosen zu verteidigen, jeder andere kampffähige Mann folgt mir, die Evakuierung des Gefängnisses scheint noch nicht abgeschlossen, wir helfen meinem Vater dort.“

Während einige Soldaten die Kutschen fahrtüchtig machten versammelte sich der Rest von ihnen gemeinsam mit Arasenule um den Prinzen herum. Im Gleichschritt eilten sie in das Nachbarviertel der Stadt in welchem das Gefängnis lag. Arasenule gingen immer wieder die grauenhaften Bilder des ermordeten Hauptmann Walden und seiner Männer durch den Kopf. Er schüttelte sich und Kartarus mischte sich in seine Gedanken.

„Versucht, diese Bilder zu vergessen, Meister. Ihr hättet nichts für sie tun können. Ihr habt schon der alten Frau und dem kleinen Mädchen geholfen, das war mehr als man von einem Jüngling, wie ihr einer seid, erwarten kann.“

„Trotzdem lassen diese Bilder mich nicht los, mein Freund. Ich hätte an seiner Stelle liegen können. Auch wenn wir gerade im Haus noch einmal Glück hatten, kann es auch schnell anders ausgehen.“

„Solange ich an Eurer Seite bin, braucht Ihr Euch nicht zu fürchten, ich habe meine Augen überall und lasse Euch nicht im Stich.“

Die Worte des kleinen Wasserelementares erwärmten Arasenules Herz und er fühlte sich ein wenig sicherer. Er festigte den Griff um seinen Stab, atmete tief ein und folgte dem Prinzen schnellen Schrittes.

Als die Gruppe die Brücke zum Gefängnisviertel überquerte, vernahmen die Männer Kampfgeräusche. Jeder Soldat griff sofort zu seinem Schwert und rannte los. Arasenule rannte ihnen hinterher und als er um die Ecke bog bot sich ihm ein grauenerregendes Schauspiel. Mehrere Dutzend Worgen sprangen von einer Ecke in die andere und griffen immer wieder den König und seine Männer an. Einige von ihnen hatten bereits schwere Kratzwunden erlitten und viel Blut verloren. Die Soldaten, die mit dem Prinzen gekommen waren, bauten einen Schutzwall um die Verwundeten und versuchten, die Angriffe der Worgen abzuschwächen. Doch immer wieder gelang einem der Worgen der Durchbruch durch die Barrikade und er verletzte einen der Männer. Teils so schwer, dass sie zusammensackten. Manche wurden sogar an der Kehle getroffen und brachen sofort unter großen Blutspritzern zusammen.

„Kartarus, wir müssen etwas tun. SOFORT!“

„Jawohl, Meister.“

Noch unsicher, wie er entscheidend in den Kampf eingreifen solle, sammelte Arasenule seine Kräfte.

„Erinnert Euch an das, was Euch Eure Lehrmeisterin beigebracht hat.“

Weder kamen die Gedanken von Arasenule noch von seinem Begleiter doch erneut war es ein vertrautes Gefühl, weshalb der junge Magier sich entspannte und die vergangenen Lehrstunden im Kopf durchging. Da fiel es ihm ein. Vor nur wenigen Wochen hatten er und seine Mitschüler gelernt, wie man mit einem gezielten Frostblitz einfache Milch in eiskalte Milch verwandeln konnte. Der benötigte Kraftaufwand dazu war nicht sonderlich groß, weshalb Arasenule keine Furcht verspürte, erneut ohnmächtig zu werden. Sollte er einfach den Versuch wagen, die Worgen mit Frostblitzen zu verlangsamen und die Soldaten den Rest machen lassen? Er musste einfach, er hatte kaum eine andere Chance, wenn er nicht Gefahr laufen wollte, erneut seine Kräfte zu verausgaben.

„Junger Magier, du bist auf dem richtigen Wege. Nutze die Kräfte des Stabes und entfessele seine frostigen Blitze.“

„Kartarus, wir werden versuchen, die Worgen weitesgehend an der Bewegung zu behindern, damit die Soldaten sie vernichtend schlagen können. Nutze deine dir dazu gegebenen Kräfte, wie du es auch in den vergangenen Kämpfen getan hast, ich verlasse mich auf dich.“

„Wie Ihr wünscht, mein Meister.“

Arasenule festigte den Griff um seinen Stab und ließ es geschehen. Anstatt wie zuvor in der Lehrstunde Frostblitze aus seinen Fingern zu verschießen gelang es dem jungen Magier nun, die frostige Spitze seines Stabes dazu zu nutzen, die Luft um sie herum abzukühlen und als winzige, bitterkalte Geschosse auf die Worgen abzufeuern. Der junge Magier konzentrierte sich auf einen Worgen nach dem anderen und lähmte mit seinen eiskalten Blitzen die Beine der Bestien. Dadurch waren ihre Bewegungen nicht mehr so flink wie gewohnt und mit neuem Mut stürzten sich die Soldaten mit erhobenen Schwertern erneut in den Kampf.

Während Arasenule immer mehr Worgen lähmte hinderten Kartarus’ eisige Fußfesseln die verbliebenen Bestien an der Fortbewegung. Die Worgen wehrten sich bitterlich, doch endlich gelang es den Menschen, die Oberhand über die gefürchteten Monster zu gewinnen. Auch wenn die Soldaten des Königs Verluste zu verzeichnen hatten, die Zahl der angreifenden Worgen sank stetig.

Als der König dem letzten sich noch regenden Worgen sein Schwert in die Brust jagte ertönte ein verzweifeltes und schmerzerfülltes Jaulen. Mit seinem letzten Atemzug schaute der Worgen den König finster an und sprach

„Das werdet ihr noch bereuen, Mensch.“

Dann sackte auch er leblos zusammen, was von den umstehenden Soldaten mit lautem Jubel begleitet wurde. Genn Graumähne wandte sich direkt an Arasenule.

„Junger Magier, erneut habt Ihr mich zutiefst überrascht. Jetzt ruht Euch aus und geht mit meinem Sohn und den Verletzten zu meiner Residenz, dort könnt Ihr Euch stärken, den Rest der Stadt säubere ich mit meinen Männern.“

Arasenule nickte kraftlos. Gestützt von einem Soldaten ging er zurück in Richtung des Marktplatz. Dort versammelte der Prinz seine Männer, um den Rücktransport der Verletzten zu sichern. Arasenule vernahm ein leises Wimmern aus einem Keller, während der Prinz noch zu den Soldaten sprach. Er löste sich aus der Umarmung des Soldaten um dem Wimmern und Schluchzen auf den Grund zu gehen. Der Soldat folgte ihm, wohl wissend, dass der junge Magier nicht mehr viel Kraft haben konnte. Auch Kartarus folgte seinem Meister als er die Kellertreppe hinab stieg. Dort in der Ecke saß ein junger Mann, den Rücken zur Treppe gekehrt. Er hatte die Arme um seine Knie geschlungen und seinen Kopf zwischen die Knie gesteckt während er bitterlich weinte. Auch wenn er da saß wie ein Häufchen Elend, Arasenule erkannte dennoch, dass es sich bei dem jungen Mann um Tobias Dunstmantel handeln musste.

„Nein, geh weg von mir.“

„Tobias, was ist los? Die Worgen sind fürs erste vertrieben, du kannst herauskommen, dir droht keine Gefahr mehr.“

„Ara, ich warne dich, geh weg von hier.“

Arasenule streckte seine Hand nach dem jungen Schurken aus, um ihn zu beruhigen, doch als er ihn berührte bäumte sich dieser voller Zorn auf und blickte dem jungen Magier mit blutroten Augen ins Gesicht. Mit einer schnellen Bewegung schlug er Arasenule ins Gesicht, doch seine Hände waren keine Hände mehr. An ihrer Stelle waren riesige Krallen getreten, welche dem jungen Magier das Gesicht zerkratzten. Auch Tobias’ Gesicht war nicht mehr das alte, es war übersäht mit einem enormen Haarwuchs. Tobias schlug den jungen Magier zu Boden, sprang an Kartarus vorbei zu dem Soldaten und biss ihm in den rechten Arm, wodurch dieser schmerzerfüllt und schockiert sein Schwert fallen ließ, welches er mittlerweile gezückt hatte. Der Biss hinterließ eine tiefe Wunde im Arm des Mannes, denn auch Tobias’ Zähne waren plötzlich riesengroß und scharf.

Tobias Dunstmantel stieß den Soldaten ebenfalls beiseite und flüchtete in die Finsternis der Nacht.

Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!